Knecht Ruprecht

Die wichtigste Gestalt der Vorweihnachtszeit ist die sich an die historische Person des heiliggesprochenen Bischofs von Myra anlehnende eindeutig positiv besetzte Figur des am 6. Dezember oder am Vorabend als gütige, wenn auch etwas altväterlich steif, auftretende Schenkergestalt des Nikolaus. St. Nikolaus genießt bei Kindern und Erwachsenen große Popularität. Er wird aber bei seinem Auftreten regelmäßig von einer ihm in subalterner Gehilfen-Stellung zugeordneten Gestalt begleitet, die sich im Aussehen, Verhalten und Ansehen deutlich vom freundlichen und akkuraten Nikolaus unterscheidet: Dem Knecht Ruprecht.

Ursprünge und Entwicklungen

Der Brauch, Nikolaus von einer oft unsympathisch oder doch zumindest rau-skurril wirkenden Person begleiten zu lassen, geht auf die in der christlichen Lehre grundlegende Bedeutung besitzende Überzeugung der Zweiteilung der Welt in Gut und Böse zurück. Der als unartige Kinder abstrafender Begleiter, zwar nicht teuflisch, aber doch betont unlieb auftretende Kinderschreck Ruprecht stellt die Anti-These zum lichtgestaltigen Kinderfreund Nikolaus dar. Seit dem 17. Jahrhundert ist Knecht Ruprecht in den meisten deutschsprachigen Ländern nachweisbar. Im 18. und 19.Jahhundert übernimmt er sogar in einigen protestantischen Regionen Nikolaus-Funktionen und verschmilzt entsprechend zu einem Doppelcharakter.

Rauer Gesell' mit vielen Namen

Der Namensursprung für den vorweihnachtlichen Knecht ist strittig. Möglicherweise leitet sich die in Süddeutschland oder in Thüringen entstandene und rasch in vielen anderen Regionen übernommene Bezeichnung „Ruprecht“ vom althochdeutschen „Rûhperht“ („Raue Percht“) ab und verweist damit auf „Perchten“ genannte alpenländische Geistergestalten. Es gibt aber eine Reihe weiterer Regionalbezeichnungen für die Ruprecht-Gestalt. So wird er im Saar-Pfalz-Gebiet „Pelznickel“ genannt. In Bayern ist er als „Klabauf“ oder „Rumpelklas“ bekannt. Weitere Namen sind unter anderem „Hans Muff“, „Hans Trapp“, „Bullerklas“, „Schmutzli“ und auch „Krampus“.

Während St. Nikolaus ein feierlich rotes, weiß-bepelztes Bischofsormat zu Mitra und Krummstab trägt, kommt sein zottelbärtiger Knecht in eher schäbig beziehungsweise rustikal wirkenden brauner oder schwarzer Oberbekleidung daher. Oft trägt er einen Sack mit Kohle- und Kartoffelstücken als Strafgaben für unartige Kinder bei sich. In der Regel trägt er aber auch für Nikolaus einen Sack oder eine Kiepe mit Geschenken, die Nikolaus den guten Kindern gibt. Fast immer ist Knecht Ruprecht mit einer Rute bewaffnet, die zumindest symbolisch der Prügelstrafe dienen soll.

Theodor Storms Knecht Ruprecht

Der nordfriesische Schriftsteller und Lyriker Theodor Storm setzte Knecht Ruprecht 1862 mit dem gleichnamigen, mit der Zeile “Von drauß', vom Walde komm' ich her,“ beginnenden Weihnachtsgedicht ein literarisches Denkmal, das bis heute zur Popularität der Ruprecht-Figur beiträgt und im Folgenden nachzulesen ist.

Knecht Ruprecht

Von drauß' vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor;
Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann,
Da rief's mich mit heller Stimme an:

"Knecht Ruprecht", rief es, "alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
Das Himmelstor ist aufgetan,
Alt' und Junge sollen nun
Von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
Und morgen flieg ich hinab zur Erden,
Denn es soll wieder Weihnachten werden!
So geh denn rasch von Haus zu Haus,
Such mir die guten Kinder aus,
Damit ich ihrer mag gedenken,
Mit schönen Sachen sie mag beschenken."

Ich sprach: "O lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in diese Stadt,
Wo's eitel gute Kinder hat."
- "Hast denn das Säcklein auch bei dir?"
Ich sprach: "Das Säcklein, das ist hier:
Denn Äpfel, Nuß und Mandelkern
Essen fromme Kinder gern."
- "Hast denn die Rute auch bei dir?"
Ich sprach: "Die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
Die trifft sie auf den Teil, den rechten."
Christkindlein sprach: "So ist es recht;
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!"

Von drauß' vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich's hierinnen find!
Sind's gute Kind, sind's böse Kind?

Vater:

Die Kinder sind wohl alle gut,
Haben nur mitunter was trotzigen Mut.

Ruprecht:

Ei, ei, für trotzgen Kindermut
Ist meine lange Rute gut!
Heißt es bei euch denn nicht mitunter:
Nieder den Kopf und die Hosen herunter?

Vater:

Wie einer sündigt, so wird er gestraft;
Die Kinder sind schon alle brav.

Ruprecht:

Stecken sie die Nas auch tüchtig ins Buch,
Lesen und schreiben und rechnen genug?

Vater:

Sie lernen mit ihrer kleinen Kraft,
Wir hoffen zu Gott, daß es endlich schafft.

Ruprecht:

Beten sie denn anch altem Brauch
Im Bett ihr Abendsprüchlein auch?

Vater:

Neulich hört ich im Kämmerlein
Eine kleine Stimme sprechen allein;
Und als ich an die Tür getreten,
Für alle Lieben hört ich sie beten.

Ruprecht:

So nehmet denn Christkindleins Gruß,
Kuchen und Äpfel, Äpfel und Nuß;
Probiert einmal von seinen Gaben,
Morgen sollt ihr was Besseres haben.
Dann kommt mit seinem Kerzenschein
Christkindlein selber zu euch herein.
Heut hält es noch am Himmel Wacht;
Nun schlafet sanft, habt gute Nacht.

Autor: Theodor Storm


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