Christkind

Am Heiligen Abend wartet die ganze Familie auf den Höhepunkt des Abends: die Bescherung. Für Millionen von Kindern in Deutschland ist es das Christkind, das die Geschenke bringt, heimlich, unsichtbar, irgendwie überall und nirgends zugleich. Dabei wissen die wenigsten, woher diese Figur eigentlich stammt, was sie ursprünglich symbolisieren sollte und warum sie heute so unterschiedlich wahrgenommen wird.

Das Christkind ist eine der faszinierendsten Weihnachtsfiguren überhaupt, weil es so viele Widersprüche in sich vereint. Es ist kein Heiliger, kein Märchenwesen und auch nicht einfach ein Kind. Es ist eine Idee, die im 16. Jahrhundert geboren wurde und sich seitdem beständig verändert hat, angepasst an die Bedürfnisse und Vorstellungen der jeweiligen Zeit.

Christkind

Inhaltsverzeichnis

Wer hat das Christkind erfunden?

Das Christkind als Symbolfigur trat erstmals im 16. Jahrhundert in Erscheinung. Zu dieser Zeit war in katholischen Regionen der heilige Nikolaus der unbestrittene Gabenbringer für Kinder, traditionell am 6. oder 28. Dezember. Für die Protestanten, die im Zuge der Reformation viele Heiligenverehrungen ablehnten, war diese Tradition jedoch nicht akzeptabel. Ein katholischer Bischof als Weihnachtsfigur passte nicht zu ihrem Glaubensverständnis.

Es war Martin Luther, der eine Alternative schuf. Er führte das Beschenken der evangelischen Kinder durch den sogenannten "heiligen Christ" ein und verlegte den Termin auf den 25. Dezember, den eigentlichen Weihnachtstag. Mit dieser Verlagerung wollte er das Schenken unmittelbar mit der Geburt Jesu verbinden und so den religiösen Kern des Festes stärken.

Martin Luther und die Reformation des Schenkens

Luthers ursprüngliche Vorstellung war eine andere als das, was wir heute unter dem Christkind verstehen. Mit dem Begriff "heiliger Christ" meinte er zunächst den erwachsenen Jesus Christus selbst, also keine kindliche Figur, sondern den auferstandenen Erlöser als symbolischen Geber aller Gaben. Diese abstrakte Idee war für Kinder jedoch schwer greifbar.

Was dann geschah, ist ein schönes Beispiel dafür, wie kulturelle Bilder ein Eigenleben entwickeln. Inspiriert durch die Engelsgestalten in den Krippenspielen, die in dieser Zeit weit verbreitet waren, wandelte sich die Vorstellung vom erwachsenen Christus hin zu einem kindlichen, engelhaften Wesen. Das Volk formte aus Luthers theologischem Konzept eine anschauliche, zarte Figur, die in die Weihnachtsnacht passte: das Christkind, wie wir es heute kennen.

Diese Verwandlung zeigt, wie sehr religiöse Ideen durch den Volksglauben geformt und umgedeutet werden. Luther wollte einen Heiligen ersetzen und schuf damit unbeabsichtigt eine neue Figur, die sich in ihrer Wirkung kaum von einem Heiligen unterscheidet.

Wie sieht das Christkind aus?

Das Christkind wird bis heute als engelsähnliches Kind dargestellt, mit Flügeln, einem goldenen Heiligenschein, blonden Locken und weiß-goldenen Gewändern. Es verkörpert Reinheit und Unschuld und wirkt dabei fast unwirklich, mehr himmlisches Wesen als irdisches Kind. Diese Darstellung hat sich über Jahrhunderte kaum verändert und ist in Krippen, auf Postkarten und in Weihnachtsdekorationen bis heute die dominierende Form.

Interessant ist dabei eine Frage, die sich hartnäckig hält: Ist das Christkind männlich oder weiblich? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Die Darstellungen sind oft bewusst offen gehalten, wirken aber aufgrund der langen Haare, der zarten Züge und der hellen Gewänder eher weiblich. Viele Volkskundler gehen davon aus, dass das Christkind tatsächlich eher als weibliche Figur wahrgenommen wird, auch wenn das theologisch nie festgelegt wurde.

In der Praxis wird das Christkind in manchen Regionen von einem echten Menschen verkörpert, meist einem jungen Mädchen oder einer jungen Frau in einem langen weißen Kleid mit Goldverzierungen. Dass diese Besetzung so nahezu überall gleich aussieht, zeigt, wie stark das kollektive Bild dieser Figur verankert ist.

Wo ist das Christkind noch heute verbreitet?

Die Verbreitung des Christkindes folgt in Deutschland bis heute weitgehend den historischen Konfessionsgrenzen. In den traditionell katholischen Regionen, also vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, dem Rheinland und Teilen Österreichs, ist das Christkind als Gabenbringer noch weit verbreitet und tief im Brauchtum verwurzelt. Für Kinder dort ist es selbstverständlich, dass nicht der Weihnachtsmann kommt, sondern das Christkind.

In den eher protestantisch geprägten Regionen Norddeutschlands hingegen ist das Christkind heute kaum noch bekannt. Dort hat der Weihnachtsmann das Feld vollständig übernommen. Diese geografische Aufteilung ist bemerkenswert stabil geblieben, auch wenn die religiöse Bindung der Bevölkerung insgesamt abgenommen hat.

Christkind oder Weihnachtsmann - was ist der Unterschied?

Auf den ersten Blick erfüllen beide Figuren dieselbe Funktion: Sie bringen den Kindern an Heiligabend Geschenke. Und tatsächlich ist die praktische Rolle die gleiche. Der Unterschied liegt woanders.

  • Herkunft: Das Christkind entstand aus dem protestantischen Glauben der Reformationszeit. Der Weihnachtsmann hat seine Wurzeln im heiligen Nikolaus und wurde durch angloamerikanische Einflüsse zur rotgekleideten, bärtigen Figur, die wir heute kennen.
  • Erscheinung: Das Christkind ist zart, engelhaft, still und unsichtbar. Der Weihnachtsmann ist laut, fröhlich, körperlich präsent und fährt mit einem Schlitten durch die Lüfte.
  • Religiöse Zugehörigkeit: Das Christkind ist im christlichen Glauben verwurzelt und hat einen klar spirituellen Charakter. Der Weihnachtsmann ist heute weitgehend säkularisiert und weltweit bekannt, unabhängig von Religion oder Kulturkreis.
  • Verbreitung: Der Weihnachtsmann dominiert in der globalen Popkultur und ist durch Werbung, Filme und Medien weltweit das bekanntere Symbol. Das Christkind hat seinen stärksten Rückhalt in katholisch geprägten Regionen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz.

Früher testete das Christkind der Überlieferung nach auch das Religionswissen der Kinder in der Vorweihnachtszeit. Diese Funktion ist heute weitgehend weggefallen. Was geblieben ist, ist die Rolle des stillen, gütigen Gabenbringers, der in der Nacht kommt und geht, ohne je wirklich gesehen zu werden.

Das Verhältnis zum Nikolaus

Das Christkind und der Nikolaus haben eine komplizierte Geschichte miteinander. Ursprünglich war der Nikolaus der einzige Gabenbringer in der christlichen Tradition, verehrt am 6. Dezember. Das Christkind entstand als bewusster Gegenentwurf dazu, getrieben von der theologischen Ablehnung der Heiligenverehrung durch die Reformatoren.

Ironischerweise koexistieren beide Figuren heute in vielen deutschen Haushalten problemlos. Der Nikolaus kommt am 6. Dezember und füllt die Schuhe der Kinder mit Süßigkeiten und kleinen Geschenken. Das Christkind erscheint knapp drei Wochen später an Heiligabend mit den großen Päckchen. Aus einem theologischen Gegensatz ist im Laufe der Jahrhunderte eine Art friedliche Arbeitsteilung geworden, die kaum noch jemand hinterfragt.

Das Christkind in anderen Ländern

Die Figur des Christkindes ist keineswegs auf Deutschland beschränkt. In vielen europäischen Ländern gibt es ähnliche Traditionen, die teils auf dieselben historischen Wurzeln zurückgehen, sich aber eigenständig weiterentwickelt haben.

  • Österreich: Das Christkind ist hier mindestens so fest verankert wie in Bayern. In ländlichen Gebieten wird es manchmal sogar von Kindern persönlich empfangen, wenn es die Geschenke bringt.
  • Schweiz: Auch in der Deutschschweiz ist das Christkind traditionell der Gabenbringer, besonders in katholischen Kantonen.
  • Italien: Hier heißt die entsprechende Figur "Gesù Bambino", das Jesuskind, das ebenfalls Geschenke bringt, allerdings in manchen Regionen erst am 6. Januar, dem Dreikönigstag.
  • Tschechien und die Slowakei: Das "Ježíšek" (kleines Jesuskind) ist in beiden Ländern bis heute die wichtigste Weihnachtsfigur und deutlich bekannter als der Weihnachtsmann.
  • Lateinamerika: In einigen südamerikanischen Ländern, besonders in Kolumbien, ist das Christkind als "Niño Dios" der traditionelle Gabenbringer zu Weihnachten.

Das Christkind in Nürnberg

Keine andere Stadt ist so eng mit dem Christkind verbunden wie Nürnberg. Seit 1933 wird dort jedes Jahr ein echtes "Nürnberger Christkind" gewählt, eine junge Frau zwischen 16 und 19 Jahren, die für zwei Jahre die Rolle der Weihnachtsfigur übernimmt. Sie eröffnet mit einer feierlichen Ansprache vom Balkon der Frauenkirche den berühmten Nürnberger Christkindlesmarkt und ist in dieser Zeit die offizielle Repräsentantin der Stadt in der Weihnachtszeit.

Die Bewerbung um dieses Amt ist aufwändig und umfasst Sprachtests, ein Vorsprechen und die Bereitschaft, zahlreiche öffentliche Auftritte zu absolvieren. Das gewählte Christkind reist während seiner Amtszeit in viele Städte und Länder, um für Nürnberg und seine Weihnachtstradition zu werben. Dieser Brauch zeigt, wie lebendig die Figur des Christkindes bis heute ist, zumindest dort, wo man sie bewusst pflegt.

Was das Christkind für Kinder bedeutet

Für Kinder ist das Christkind mehr als eine Figur aus alten Überlieferungen. Es ist ein echtes Wesen, das irgendwo da draußen existiert und an Heiligabend zu ihnen kommt. Dieser Glaube ist zerbrechlich und kostbar zugleich. Er hält in der Regel nur wenige Jahre, aber die Weihnachten, in denen ein Kind noch wirklich daran glaubt, gehören zu den unvergesslichsten überhaupt.

Das Klingeln einer Glocke, das ein Erwachsener heimlich erklingen lässt, um das Erscheinen des Christkindes anzukündigen. Die Stille, die kurz vor der Bescherung über das Haus fällt. Das Leuchten in den Augen, wenn die Tür zum Zimmer mit dem geschmückten Baum und den Geschenken aufgeht: All das sind Momente, die mit dem Christkind verbunden sind und die Eltern und Großeltern sich genauso gut merken wie die Kinder selbst.

Das Christkind heute - eine Figur im Wandel

In einer Zeit, in der der Weihnachtsmann durch globale Medien und Werbung allgegenwärtig ist, hat das Christkind es schwerer als früher. Kinder, die mit internationalen Filmen, Serien und Werbespots aufwachsen, begegnen dem bärtigen Mann im roten Mantel weit häufiger als der engelhaften Gestalt in Weiß und Gold.

Trotzdem ist das Christkind nicht verschwunden. In den Regionen, wo es Tradition hat, wird es von Eltern bewusst weitergegeben, als Teil einer Identität, die sich von der globalen Weihnachtskultur unterscheidet. Es gibt Familien, in denen das Christkind seit Generationen kommt und in denen es auch in Zukunft kommen wird, ganz gleich, was der Fernseher anderes zeigt.

Vielleicht liegt gerade darin der besondere Reiz dieser Figur. Das Christkind ist keine Marke, kein Konsumprodukt und kein global vermarktetes Symbol. Es ist eine stille, fast schüchterne Erscheinung, die keine Werbung braucht und keine laute Bühne. Es kommt, legt seine Gaben ab und ist wieder fort, bevor man es je zu Gesicht bekommt. Und genau das macht es für viele Menschen bis heute so unvergesslich.


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