Weiße Weihnachten
Schnee zu Weihnachten. Kaum ein Wunsch taucht in der Adventszeit häufiger auf als dieser. Kinder drücken die Nase an der Fensterscheibe platt und starren in den grauen Dezemberhimmel. Erwachsene checken mehrfach täglich die Wettervorhersage. Und wenn am Heiligabend tatsächlich ein paar Flocken fallen, ist die Begeisterung groß wie selten.
Dabei ist die Idee einer schneebedeckten Weihnachtslandschaft gar nicht so alt, wie viele glauben. Was heute als selbstverständliches Bild des Weihnachtsfestes gilt, hat einen überraschend jungen kulturellen Ursprung. Und statistisch gesehen war Weihnachten in Deutschland schon immer häufiger grün als weiß. Trotzdem hält sich die Sehnsucht hartnäckig, von Generation zu Generation weitergegeben, genährt durch Lieder, Postkarten und Filmbilder.
Inhaltsverzeichnis
- Woher kommt das Bild von weißen Weihnachten?
- Wie Postkarten und Lieder das Ideal formten
- Der Winter als Feind und als Freund
- Was die Wetterstatistik wirklich sagt
- Weiße Weihnachten und der Klimawandel
- Weiße Weihnachten in Europa - ein Vergleich
- Weiße Weihnachten in Liedern und Filmen
- Wenn kein Schnee fällt - Alternativen zum weißen Fest
- Tipps für alle, die Weiße Weihnachten garantieren wollen

Woher kommt das Bild von weißen Weihnachten?
Klimaforscher haben herausgefunden, dass das Ideal von knackigem Frostwetter mit einer geschlossenen Schneedecke zu Weihnachten etwa aus der Mitte des 18. Jahrhunderts stammt. Davor war das winterliche Weihnachtsbild in Europa ein völlig anderes. Schnee gehörte nicht zum festlichen Vorstellungsbild, sondern galt eher als lästige Begleiterscheinung der kalten Jahreszeit.
Interessant ist, dass sich dieses Bild nicht langsam und allmählich veränderte, sondern durch ganz konkrete äußere Einflüsse. Zwei Quellen hatten dabei besonders großen Anteil: das Schweizer Hochgebirge mit seinem zuverlässigen Winterschnee und die Winterlandschaften im US-Bundesstaat Neuengland, wo Weihnachten seit jeher unter einer dicken weißen Decke gefeiert wird. Von dort aus verbreiteten sich die Bilder und Vorstellungen eines schneereichen Festes in die übrige westliche Welt.
Wie Postkarten und Lieder das Ideal formten
Um das Jahr 1860 vollzog sich eine bemerkenswerte Wandlung bei weihnachtlichen Grußkartenmotiven. Zuvor dominierten herbstliche Szenerien ohne jede Spur von Schnee. Ein viel zitiertes Beispiel zeigt festlich gekleidete Menschen inmitten üppiger Weinreben, ein Bild, das mit unserem heutigen Weihnachtsempfinden kaum noch etwas gemein hat.
Ab 1860 änderte sich das schlagartig. Plötzlich kletterte der Weihnachtsmann übers verschneite Ziegeldach. Ein Motiv aus dem Jahr 1863 zeigt Sankt Nikolaus zwischen schneebedeckten Tannen, hinter ihm eine vollmondbeschienene Dorfidylle in strahlendem Weiß. Diese neuen Kartenbilder trafen einen Nerv. Sie verbreiteten sich rasend schnell, auch weil Auswanderer aus den Vereinigten Staaten sie in großen Mengen zurück nach Europa schickten. Was dort als normale Winteransicht galt, wirkte in den Städten Europas plötzlich romantisch und sehnsuchtsbeladen.
Bis dahin war der harte Winter in Europa vor allem gefürchtet, eine Zeit der Knappheit und Kälte, die man überstand, aber nicht feierte. Mit den neuen Postkartenmotiven kippte das Bild: Die schneeglitzernde Weihnachtslandschaft erschien nun aufgeräumt, friedlich und geradezu einladend. Diese Umdeutung des Winters hat bis heute Bestand und prägt unsere Erwartungen an die Feiertage tief.
Verstärkt wurde das Ideal durch Literatur und Musik. Charles Dickens beschrieb in seinen Weihnachtsgeschichten schneereiche englische Winter, obwohl das englische Weihnachtswetter historisch betrachtet kaum anders war als das deutsche. Und spätestens mit Bing Crosbys "White Christmas" aus dem Jahr 1942, dem meistverkauften Weihnachtslied der Geschichte, wurde das schneeweiße Weihnachtsfest zum globalen Sehnsuchtsort.
Der Winter als Feind und als Freund
Wenn ältere Menschen von harten Wintern erzählen, meinen sie meist die Schneewinter zwischen 1939 und 1974. In dieser Phase gab es tatsächlich mehrere außerordentlich kalte und schneereiche Winter, die sich tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Der Winter 1962/63 etwa gilt als einer der härtesten des 20. Jahrhunderts in Mitteleuropa. Flüsse froren zu, Straßen waren wochenlang unpassierbar, und Kohlevorräte wurden knapp.
Trotzdem: Auch damals blieb Weihnachten statistisch gesehen meist grün. Die erinnerungswürdigen Schneeperioden lagen oft im Januar oder Februar, nicht im Dezember. Das menschliche Gedächtnis schiebt solche Bilder jedoch gern zusammen und verknüpft "harter Winter" automatisch mit "Schnee zu Weihnachten", was die Realität etwas verzerrt.
Was die Wetterstatistik wirklich sagt
Die weiße Weihnacht ist im Verlauf der letzten 100 Jahre nicht seltener geworden, aller Klimaerwärmung zum Trotz. Das zumindest sagen die Statistiker. Für Deutschland gilt dabei eine klare geografische Regel: Je weiter nördlich in Richtung Küste und je niedriger die Lage, desto schlechter sind die Chancen auf Schnee an den Festtagen.
Chancen auf Schnee in deutschen Städten
Die konkreten Zahlen sind ernüchternd für alle, die auf Schnee hoffen, aber aufschlussreich:
- München hat mit Abstand die besten Aussichten unter den deutschen Großstädten. In zwei von fünf Jahren liegt dort über die Weihnachtstage eine geschlossene Schneedecke.
- Dresden darf sich alle fünf bis sechs Jahre über ein weißes Fest freuen.
- Frankfurt am Main und Hamburg kommen statistisch auf etwa alle neun Jahre Schnee zu Weihnachten.
- Köln und der Rheinländer feiern weiße Weihnachten im Schnitt nur etwa alle zehn Jahre.
- Die Küstenregionen im Norden haben die schlechtesten Karten. Dort ist Schnee an Heiligabend eher eine Ausnahme denn die Regel.
Nord, Süd, Ost, West - wer hat die besten Karten?
Generell gilt: Je höher die Lage, desto wahrscheinlicher der Schnee. Wer in den Mittelgebirgen wohnt, etwa im Schwarzwald, im Bayerischen Wald, im Harz oder im Erzgebirge, hat deutlich bessere Chancen als jemand im norddeutschen Tiefland. In Höhenlagen ab etwa 500 Metern ist Schnee über die Weihnachtstage keine Seltenheit, sondern eher die Norm.
Der Süden und Südosten Deutschlands schneidet insgesamt am besten ab, weil die Nähe zu den Alpen dafür sorgt, dass Kaltlufteinbrüche aus Nordosten häufiger mit ausreichend Feuchtigkeit aus dem Mittelmeerraum zusammentreffen, was Schneefall begünstigt. Im Flachland hingegen, vor allem im Westen und Nordwesten, regnet es zu Weihnachten statistisch häufiger, als es schneit.
Weiße Weihnachten und der Klimawandel
Die Frage, ob der Klimawandel die Chancen auf Schnee zu Weihnachten langfristig verringert, ist komplizierter zu beantworten als es scheint. Grundsätzlich steigen die Durchschnittstemperaturen in Deutschland, und der Dezember ist in den vergangenen Jahrzehnten im Mittel wärmer geworden. Das legt nahe, dass Schnee im Tiefland zu Weihnachten seltener werden könnte.
Andererseits kann ein wärmeres Klima auch zu mehr Extremwetterereignissen führen, darunter gelegentlich auch plötzliche, heftige Kälteeinbrüche im Dezember. Wetterphänomene wie der "Polarwirbel" können dafür sorgen, dass arktische Luft weit nach Mitteleuropa vordringt und selbst in normalerweise milden Regionen kurzzeitig Schnee bringt. Vorhersagen für einzelne Weihnachtswochen bleiben deshalb schwierig.
Was Klimawissenschaftler mit mehr Sicherheit sagen können: In den Alpen und den höheren Mittelgebirgen wird die Schneesicherheit im Laufe des Jahrhunderts abnehmen. Für Tieflage und Küste dürfte der weiße Weihnachtsabend zukünftig noch seltener werden als er es ohnehin schon ist.
Weiße Weihnachten in Europa - ein Vergleich
Deutschland ist beim Thema Weihnachtsschnee keineswegs das Schlusslicht in Europa, aber auch weit von den schneereichsten Ländern entfernt. Ein kurzer Blick über die Grenzen zeigt, wie unterschiedlich die Verhältnisse sind:
- Skandinavien: In Norwegen, Schweden und Finnland ist Schnee zu Weihnachten besonders im Norden nahezu garantiert. In Stockholm oder Oslo liegt die Wahrscheinlichkeit bei rund 50 Prozent, in Lappland ist sie noch deutlich höher.
- Österreich und die Schweiz: In den Alpenlagen fast sicher, in den Tälern und Städten ähnlich unsicher wie in Süddeutschland.
- Großbritannien: London erlebt weiße Weihnachten so selten wie Köln. Das schottische Hochland hat bessere Chancen, aber auch dort ist es keine Selbstverständlichkeit.
- Polen und Tschechien: Etwas bessere Chancen als der deutsche Westen, besonders in den östlichen und höher gelegenen Regionen.
- Spanien, Italien, Griechenland: Im Flachland und an den Küsten so gut wie kein Schnee. In den Gebirgen hingegen, etwa in den Pyrenäen oder den Apenninen, kann es durchaus weiß werden.
Weiße Weihnachten in Liedern und Filmen
Kein anderes Weihnachtslied hat das Bild der weißen Weihnacht so nachhaltig geprägt wie "White Christmas" von Irving Berlin, gesungen von Bing Crosby. Das Lied erschien 1942 und wurde zum meistverkauften Tonträger der Musikgeschichte überhaupt. Bemerkenswert dabei: Es wurde an einem heißen Julitag in Los Angeles aufgenommen und handelt von der Sehnsucht nach Schnee, nicht von seiner Anwesenheit. Gerade das macht es zeitlos.
Im deutschen Sprachraum sind es Lieder wie "Leise rieselt der Schnee" oder "O Tannenbaum", die das winterlich-verschneite Weihnachtsbild transportieren. Auch wenn der Tannenbaum selbst nichts mit Schnee zu tun hat, wird er in der kollektiven Vorstellung fast immer in eine verschneite Landschaft gesetzt.
In Weihnachtsfilmen ist Schnee ohnehin Pflicht. Vom Klassiker "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" über "Home Alone" bis zu modernen Romanzen: Kaum ein Weihnachtsfilm kommt ohne die weiße Kulisse aus. Das verstärkt die Erwartungshaltung Jahr für Jahr aufs Neue und erklärt, warum die Enttäuschung bei einem grünen Heiligabend so groß sein kann.
Wenn kein Schnee fällt - Alternativen zum weißen Fest
Die Chancen, dass es an Heiligabend im deutschen Flachland schneit, sind statistisch gering. Das muss aber kein Grund zur Trübsal sein. Weihnachten entsteht nicht durch das Wetter draußen, sondern durch das, was drinnen passiert. Hier sind ein paar Möglichkeiten, wie du das Fest auch ohne Schnee stimmungsvoll gestalten kannst:
- Kerzen und Lichterketten: Warmes Licht in den Räumen schafft eine Atmosphäre, die Schnee fast vergessen lässt. Je mehr Kerzen, desto besser.
- Einen Ausflug ins Gebirge planen: Wer unbedingt Schnee erleben möchte, fährt einfach dorthin, wo er mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt. Ein Kurztrip in den Bayerischen Wald, den Harz oder die Alpen über die Weihnachtstage ist für viele Familien zur schönen Tradition geworden.
- Weihnachtliche Deko in Weiß und Silber: Wer die Wohnung mit weißen Dekoelementen, Kunstschnee aus der Dose oder silbernen Ornamenten schmückt, holt sich die weiße Stimmung zumindest ins Haus.
- Den Spaziergang trotzdem machen: Auch ein winterlich kahler Wald hat seinen eigenen Reiz. Die Stille, der Geruch nach feuchter Erde und der Anblick von Raureif auf den Ästen können auf ihre Art genauso schön sein wie Schnee.
Tipps für alle, die Weiße Weihnachten garantieren wollen
Wem der Zufall nicht reicht und wer auf Nummer sicher gehen möchte, hat tatsächlich Möglichkeiten, das Weihnachtsfest mit großer Wahrscheinlichkeit im Schnee zu verbringen. Der einfachste Weg ist ein Ziel zu wählen, das meteorologisch zuverlässig ist.
- Lappland in Finnland oder Nordschweden: Der Klassiker schlechthin. Schnee ist dort ab Dezember nahezu garantiert, und das Erlebnis einer Weihnacht im hohen Norden mit Polarlichtern, Huskys und Rentieren ist unvergesslich.
- Österreichische oder Schweizer Alpen: Wer nicht so weit reisen möchte, findet in den Alpenregionen ab etwa 1.000 Metern Höhe fast immer eine geschlossene Schneedecke.
- Bayerischer Wald oder Erzgebirge: Die günstigste und nächste Option für viele Deutsche. In höheren Lagen dieser Mittelgebirge liegt die Wahrscheinlichkeit für Schnee zu Weihnachten deutlich über dem nationalen Durchschnitt.
- Frühzeitig buchen: Weihnachtsreisen in schneesichere Regionen sind beliebt und entsprechend früh ausgebucht. Wer im Sommer plant, hat die beste Auswahl und oft auch die besten Preise.
Und wem das alles zu aufwändig ist, der darf sich auch einfach zurücklehnen, einen heißen Tee kochen und darauf vertrauen, dass das Fest schön wird, ob mit oder ohne Schnee. Denn am Ende ist es nicht das Wetter, das Weihnachten zu etwas Besonderem macht.