Weihnachtsoratorium
Zu Weihnachten findet man jedes Jahr in allen größeren deutschen Städten auf den Plakaten Hinweise zum Weihnachtsoratorium (meist zu dem von Johann Sebastian Bach). Doch was ist eigentlich ein Weihnachtsoratorium und wann und wie ist diese Gattung entstanden? Diesen Fragen wollen wir im Folgenden nachgehen.

Inhaltsverzeichnis
- Oratorium, Kantate, Passion: Was ist der Unterschied?
- Die Geschichte vom Weihnachtsoratorium
- Der Aufbau von Bachs Weihnachtsoratorium im Detail
- Wie das Werk entstand: Parodieverfahren und Wiederverwendung
- Besetzung und Instrumente
- Die bekanntesten Stücke und was sie bedeuten
- Weihnachtsoratorien anderer Komponisten
- So bereitest du dich auf einen Konzertbesuch vor
- Wo und wie du das Weihnachtsoratorium hören kannst
- Häufige Fragen zum Weihnachtsoratorium
- Weihnachtsoratorium von Bach als Video
Oratorium, Kantate, Passion: Was ist der Unterschied?
Wer sich zum ersten Mal mit der geistlichen Musik des Barock beschäftigt, stößt schnell auf drei Begriffe, die sich ähneln und doch grundverschieden sind: Oratorium, Kantate und Passion. Das Verständnis dieser Unterschiede hilft enorm dabei, das Weihnachtsoratorium als Gattung richtig einzuordnen.
Die Kantate ist das kürzeste der drei Formate. Bach schrieb über 200 Kirchenkantaten, die meisten dauern zwischen 20 und 30 Minuten. Sie sind für einen bestimmten Sonntag im Kirchenjahr komponiert und haben keinen eigenständigen dramatischen Handlungsbogen. Eine Kantate beleuchtet ein theologisches Thema, erzählt aber keine Geschichte von Anfang bis Ende.
Die Passion hingegen schildert die Leidensgeschichte Jesu, also das Geschehen von der Gefangennahme bis zur Kreuzigung. Bachs Matthäuspassion und Johannespassion sind die bekanntesten Werke dieser Gattung. Sie haben einen klaren dramatischen Verlauf, sind aber inhaltlich ausschließlich auf die Karwoche ausgerichtet.
Das Oratorium verbindet beide Qualitäten: Es hat die erzählerische Tiefe der Passion, ist aber nicht an ein einziges Ereignis gebunden. Im Fall des Weihnachtsoratoriums wird die gesamte Weihnachtsgeschichte entfaltet, von der Geburt Jesu über die Verkündigung an die Hirten bis hin zur Ankunft der Weisen aus dem Morgenland. Es ist damit das musikalisch ambitionierteste und inhaltlich umfangreichste Format unter diesen dreien.
Der Aufbau von Bachs Weihnachtsoratorium im Detail
Bachs Weihnachtsoratorium besteht aus sechs Teilen, die jeweils für einen bestimmten Festtag zwischen Weihnachten und dem Fest der Heiligen Drei Könige geschrieben wurden. Ursprünglich sollten sie nicht als geschlossenes Werk an einem Abend, sondern verteilt über mehrere Gottesdienste aufgeführt werden.
- Teil I (25. Dezember): "Jauchzet, frohlocket" eröffnet das Werk mit überschwänglicher Freude. Der erste Teil schildert die Geburt Jesu und endet mit dem Wiegenlied "Schlafe, mein Liebster".
- Teil II (26. Dezember): Die Verkündigung an die Hirten steht im Mittelpunkt. Dieser Teil enthält die berühmte Sinfonia, ein instrumentales Hirtengemälde, das zu den schönsten Orchesterstücken des gesamten Werkes gehört.
- Teil III (27. Dezember): Die Hirten machen sich auf den Weg zur Krippe. Bach gestaltet diesen Abschnitt besonders abwechslungsreich mit einem raschen Wechsel zwischen Rezitativen, Arien und Chorälen.
- Teil IV (1. Januar): Die Beschneidung und Namensgebung Jesu bilden den theologischen Kern. Dieser Teil ist etwas ruhiger und besinnlicher gehalten als die vorangegangenen.
- Teil V (2. Januar): Die Ankunft der Weisen aus dem Morgenland wird vorbereitet. Herodes tritt als Gegenspieler auf, was dem Stück erstmals eine dramatische Spannung verleiht.
- Teil VI (6. Januar, Dreikönigstag): Das Werk findet seinen feierlichen Abschluss. Der triumphierende Schlusschor "Herr, wenn die stolzen Feinde schnauben" fasst die theologische Aussage des gesamten Oratoriums zusammen.
Heute wird das Weihnachtsoratorium meistens als geschlossenes Konzert aufgeführt, oft mit einer Pause zwischen dem dritten und vierten Teil. Die Gesamtspielzeit beträgt dann rund zweieinhalb Stunden.
Wie das Werk entstand: Parodieverfahren und Wiederverwendung
Wer wissen möchte, wie Bach in verhältnismäßig kurzer Zeit ein so monumentales Werk schaffen konnte, stößt auf eine Praxis, die im Barock völlig üblich war und heute manchmal für Erstaunen sorgt: das sogenannte Parodieverfahren.
Dabei werden bereits existierende Kompositionen mit neuen Texten versehen und in einen neuen Kontext übertragen. Bach griff für das Weihnachtsoratorium auf mehrere seiner eigenen weltlichen Kantaten zurück, vor allem auf die Dramma per musica "Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompeten!" und auf die Herkules-Kantate "Lasst uns sorgen, lasst uns wachen". Etwa die Hälfte des Weihnachtsoratoriums geht auf bereits komponierten Stoff zurück.
Das klingt nach einem Kompromiss, ist es aber nicht. Bach verstand es meisterhaft, weltliche Huldigungsmusik in tief empfundene religiöse Aussagen zu verwandeln. Das berühmte Wiegenlied "Schlafe, mein Liebster" zum Beispiel war ursprünglich ein Schlaflied für den sächsischen Kurprinzen. Im Weihnachtsoratorium singt es die Seele der Gläubigen für das Christkind, und der Charakter des Stückes passt so gut, als wäre es nie für etwas anderes geschrieben worden.
Besetzung und Instrumente
Das Weihnachtsoratorium ist für eine verhältnismäßig große Besetzung geschrieben, was seine festliche Wirkung erheblich verstärkt. Zum Einsatz kommen:
- Vier Solostimmen: Sopran, Alt, Tenor und Bass. Der Tenor übernimmt die Rolle des Evangelisten und trägt damit den erzählerischen Faden durch das gesamte Werk.
- Chor: Der vierstimmige Chor kommentiert das Geschehen in den Chorälen und jubiliert in den großen Eingangs- und Schlusschören.
- Streicher: Violinen, Bratschen, Celli und Kontrabässe bilden das klangliche Fundament.
- Bläser: Oboen, Flöten und Fagott. Besonders die Oboe d'amore und die Oboe da caccia verleihen dem Werk seinen unverwechselbaren warmen Klang.
- Trompeten und Pauken: Sie sind das Markenzeichen der festlichen Teile. Der Eingangschor "Jauchzet, frohlocket" wäre ohne sie undenkbar.
- Continuo: Cembalo oder Orgel sowie Violoncello bilden die harmonische Basis, über der sich alle anderen Stimmen entfalten.
Interessant ist, dass Bach die Besetzung je nach Charakter des Teils variiert. Die Hirtenmusik im zweiten Teil kommt ganz ohne Trompeten aus und klingt dadurch weich und ländlich. Im sechsten Teil hingegen sind alle Kräfte aufgeboten, um das triumphale Ende zu gestalten.
Die bekanntesten Stücke und was sie bedeuten
Selbst wer das Weihnachtsoratorium noch nie bewusst gehört hat, kennt mit großer Wahrscheinlichkeit einige seiner Melodien. Drei Stücke stechen dabei besonders hervor.
"Jauchzet, frohlocket" ist der Eingangschor des ersten Teils und einer der mitreißendsten Chöre, die Bach je geschrieben hat. Trompeten, Pauken und der jubelnde Chor schaffen vom ersten Takt an eine Atmosphäre reiner Festfreude. Wer diesen Chor einmal live in einem Konzertsaal erlebt hat, versteht, warum das Weihnachtsoratorium seit fast drei Jahrhunderten Aufführungen anzieht.
Die Sinfonia zu Beginn des zweiten Teils ist das genaue Gegenteil: ein stilles, fast meditatives Orchesterstück, das die Hirten auf dem nächtlichen Feld beschreibt. Bach greift hier auf die Tradition der Pastorale zurück, einer Musikform, die seit der Renaissance die Welt der Hirten mit ruhigen Melodien und liegenden Bassklängen assoziiert. Diese wenigen Minuten gehören zum Zartesten, was die Barockmusik zu bieten hat.
"Schlafe, mein Liebster" ist das Wiegenlied des Werkes, gesungen vom Alt. Die Melodie ist so eingängig und so innig, dass sie auch völlig losgelöst vom Kontext berührt. Gleichzeitig trägt sie eine theologische Botschaft: Das Einschlafen des Kindes in der Krippe verweist in der Tradition der Bach-Zeit bereits auf den Tod und die Auferstehung.
Weihnachtsoratorien anderer Komponisten
So sehr Bachs Werk die Vorstellung vom Weihnachtsoratorium prägt, es ist bei weitem nicht das einzige. Andere Komponisten haben sich ebenfalls an dieser Gattung versucht, und einige dieser Werke sind durchaus einen Hörversuch wert.
Heinrich Schütz schrieb bereits 1664 ein "Historia der Geburt Jesu Christi", das als eines der frühesten deutschen Weihnachtsoratorien gilt. Es ist schlanker und weniger opulent als Bachs Werk, aber von großer Unmittelbarkeit.
Camille Saint-Saëns komponierte 1858 ein Weihnachtsoratorium, das stilistisch völlig anders klingt als alles, was man aus dem Barock kennt. Es ist romantisch, warm und ungewöhnlich kurz, was es besonders für Konzertveranstalter attraktiv macht, die ein weihnachtliches Programm ohne mehrstündiges Konzert anbieten wollen.
Charles Jennens und Georg Friedrich Händel schufen mit dem Messiah zwar kein Weihnachtsoratorium im engeren Sinn, aber der erste Teil des Werkes beschäftigt sich ausführlich mit der Geburt Christi und wird oft in der Adventszeit aufgeführt. Der berühmte Halleluja-Chor hat dabei eine Bekanntheit erreicht, die sogar die von Bachs "Jauchzet, frohlocket" übertrifft.
So bereitest du dich auf einen Konzertbesuch vor
Ein Konzertbesuch wird tiefer berühren, wenn du nicht völlig unvorbereitet in den Konzertsaal kommst. Das gilt besonders für ein zweieinhalbstündiges Werk, das auf Latein und Deutsch gesungen wird und aus sechs eigenständigen Teilen besteht.
Höre dir vorher wenigstens die ersten zehn Minuten an. Der Eingangschor "Jauchzet, frohlocket" und die erste Arie geben dir ein Gefühl für den Charakter des Werkes und die Geschwindigkeit, mit der es sich entfaltet. Gute Aufnahmen findest du auf Streaming-Plattformen, etwa unter dem Dirigenten Karl Richter, Nikolaus Harnoncourt oder John Eliot Gardiner, die alle sehr unterschiedliche Zugänge zu diesem Werk haben.
Lies die Texte der wichtigsten Choräle und Arien durch. Viele Konzerte stellen Programmhefte zur Verfügung, aber wenn du bereits weißt, was in der Sinfonia oder im Wiegenlied musikalisch passiert, erlebst du diese Stellen intensiver. Die Bibeltexte, die Bach verwendet, stammen hauptsächlich aus dem Lukasevangelium, Kapitel 2.
Komm ausgeruht. Das klingt banal, aber ein langer Arbeitstag und ein zweieinhalbstündiges Konzert nach dem Abendessen passen nicht gut zusammen. Das Weihnachtsoratorium belohnt Aufmerksamkeit.
Wo und wie du das Weihnachtsoratorium hören kannst
Das Weihnachtsoratorium wird in der Adventszeit und zu Weihnachten flächendeckend in deutschen Konzertsälen, Kirchen und Kulturzentren aufgeführt. Große Städte wie Berlin, Hamburg, München, Leipzig und Köln bieten jedes Jahr mehrere Produktionen an, von professionellen Orchestern und Chören bis hin zu ambitionierten Laienensembles.
Wer es zuerst zu Hause hören möchte, hat eine riesige Auswahl an Aufnahmen. Drei sehr unterschiedliche Empfehlungen:
- Karl Richter (1965): Die klassische, großorchestrierte Einspielung. Richter dirigiert mit viel Wärme und einer Breite, die dem Werk etwas Majestätisches gibt. Ideal für Einsteiger.
- Nikolaus Harnoncourt / Concentus Musicus Wien (1966): Eine Pionieraufnahme der historischen Aufführungspraxis. Kleinere Besetzung, schärfere Artikulation, mehr rhythmische Energie. Wer einmal gehört hat, wie das Weihnachtsoratorium auf Originalinstrumenten klingt, will kaum zurück.
- John Eliot Gardiner (1987): Eine Einspielung, die beide Welten verbindet. Gardiner ist präzise und lebendig zugleich, und sein Monteverdi Choir zählt zu den besten Chören der Welt.
Häufige Fragen zum Weihnachtsoratorium
Muss ich klassische Musik mögen, um das Weihnachtsoratorium genießen zu können?
Nicht unbedingt. Wer offen hineingeht, wird feststellen, dass viele Stücke sehr zugänglich sind. Das Wiegenlied, die Sinfonia und der Eingangschor wirken auch auf Menschen, die sonst wenig mit Barockmusik anfangen können.
Ist das Weihnachtsoratorium ein religiöses Werk, oder kann ich es auch als Nichtchrist hören?
Es ist eindeutig aus einer christlichen Glaubensperspektive heraus komponiert, aber musikalisch lässt es sich völlig losgelöst davon erleben. Bach schrieb für alle, und die Freude, die aus dieser Musik spricht, ist universell.
Wie teuer sind Konzerttickets?
Das hängt stark vom Veranstalter ab. Professionelle Orchester in großen Konzertsälen verlangen zwischen 30 und 80 Euro. Viele Kirchen und Gemeinden bieten das Weihnachtsoratorium deutlich günstiger an, manchmal auch als freien Eintritt mit Kollekte. Lohnt sich, vor Ort zu recherchieren.
Kann man alle sechs Teile an einem Abend hören?
Ja, und das ist heute der Standard. Früher war die Aufführung auf mehrere Tage verteilt, weil Bach das Werk für verschiedene Gottesdienste zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar schrieb. Als konzertantes Gesamtwerk mit Pause funktioniert es aber sehr gut.
Gibt es eine besonders gute Aufführungstradition in einer deutschen Stadt?
Leipzig hat eine besondere Bedeutung, weil Bach dort als Thomaskantor wirkte und das Weihnachtsoratorium in der Thomaskirche und der Nikolaikirche uraufgeführt wurde. Das Thomanerchor Leipzig führt das Werk bis heute jedes Jahr auf, und ein Besuch dort hat für viele Musikliebhaber den Charakter einer Pilgerfahrt.
Weihnachtsoratorium von Bach als Video
Video: Bach - Weihnachtsoratorium - Kantate I-VI