Der Tannenbaum

Der Tannenbaum
Draußen im Walde stand ein niedlicher kleiner Tannenbaum; er hatte einen guten Platz, Sonne konnte er bekommen, Luft war genug da, und ringsumher wuchsen viele größere Kameraden, sowohl Tannen als Fichten. Aber dem kleinen Tannenbaum schien nichts so wichtig als das Wachsen; er achtete nicht der warmen Sonne und der frischen Luft, er kümmerte sich nicht um die Bauerkinder, die da gingen und plauderten, wenn sie herausgekommen waren, um Erdbeeren und Himbeeren zu sammeln. Oft kamen sie mit einem ganzen Topf voll oder hatten Erdbeeren auf einen Strohhalm gezogen, dann setzten sie sich neben den kleinen Tannenbaum und sagten: "Wie niedlich klein ist der!" Das mochte der Baum gar nicht hören.
Im folgenden Jahre war er ein langes Glied größer, und das Jahr darauf war er um noch eins länger, denn bei den Tannenbäumen kann man immer an den vielen Gliedern, die sie haben, sehen, wie viele Jahre sie gewachsen sind.
"O wäre ich doch so ein großer Baum wie die anderen!" seufzte das kleine Bäumchen. "Dann könnte ich meine Zweige so weit umher ausbreiten und mit der Krone in die weite Welt hinausblicken! Die Vögel würden dann Nester zwischen meinen Zweigen bauen, und wenn der Wind weht, könnte ich so vornehm nicken, gerade wie die andern dort!"
Er hatte gar keine Freude am Sonnenschein, an den Vögeln und den roten Wolken, die Morgens und Abends über ihn hinsegelten. War es nun Winter, und der Schnee lag ringsumher funkelnd weiß, so kam häufig ein Hase angesprungen und setzte gerade über den kleinen Baum weg. O, das war ärgerlich! Aber zwei Winter vergingen und im dritten war das Bäumchen so groß, dass der Hase um dasselbe herumlaufen musste. "O wachsen, wachsen, groß und alt werden, das ist doch das einzige Schöne in dieser Welt!" dachte der Baum.
Im Herbst kamen immer Holzhauer und fällten einige der größten Bäume; das geschah jedes Jahr, und dem jungen Tannenbaum, der nun ganz gut gewachsen war, schauderte dabei; denn die großen, prächtigen Bäume fielen mit Knacken und Krachen zur Erde, die Zweige wurden abgehauen, die Bäume sahen ganz nackt, lang und schmal aus; sie waren fast nicht zu erkennen. Aber dann wurden sie auf Wagen gelegt und Pferde zogen sie davon, aus dem Walde hinaus.
Wohin sollten sie? Was stand ihnen bevor?
Im Frühjahr, als die Schwalben und Störche kamen, fragte der Baum: "Wisst ihr nicht, wohin sie geführt wurden? Seid ihr ihnen begegnet?"
Die Schwalben wussten nichts, aber der Storch sah nachdenkend aus, nickte mit dem Kopfe und sagte: "Ja, ich glaube wohl; mir begegneten viele neue Schiffe, als ich aus Ägypten flog; auf den Schiffen waren prächtige Mastbäume; ich darf annehmen, dass sie es waren, sie hatten Tannengeruch; ich kann vielmals grüßen, sie prangen, sie prangen!"
O wäre ich doch auch groß genug, um über das Meer hinfahren zu können! Was ist das eigentlich, dieses Meer, und wie sieht es aus?" "Ja, das ist weitläufig zu erklären!" sagte der Storch und damit ging er.
"Freue dich deiner Jugend!" sagten die Sonnenstrahlen; "freue dich deines frischen Wachstums, des jungen Lebens, das in dir ist!" Und der Wind küsste den Baum, und der Tau weinte Tränen über denselben, aber das verstand der Tannenbaum nicht.
Wenn es gegen die Weihnachtszeit war, wurden ganz junge Bäume gefällt, Bäume, die nicht einmal so groß oder gleichen Alters mit diesem Tannenbaume waren, der weder Rast noch Ruhe hatte, sondern immer davon wollte; diese jungen Bäume, und es waren gerade die allerschönsten, behielten immer alle ihre Zweige, sie wurden auf Wagen gelegt und Pferde zogen sie von dannen zum Walde hinaus.
"Wohin sollen diese?" fragte der Tannenbaum. "Sie sind nicht größer als ich, Einer ist sogar viel kleiner; weswegen behalten sie alle ihre Zweige? Wohin fahren sie?"
"Das wissen wir! Das wissen Wir!" zwitscherten die Sperlinge. "Unten in der Stadt haben wir in die Fenster gesehen! Wir wissen, wohin sie fahren! O, sie gelangen zur größten Pracht und Herrlichkeit, die man sich denken kann! Wir haben in die Fenster gesehen und erblickt, dass sie mitten in der warmen Stube aufgepflanzt und mit den schönsten Sachen, vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und viele hundert Lichtern geschmückt werden."
"Und dann?" fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. "Und dann? Was geschieht dann?"
"Ja, mehr haben wir nicht gesehen! Das war unvergleichlich schön!"
"Ob ich wohl bestimmt bin, diesen strahlenden Weg zu betreten?" jubelte der Tannenbaum. "Das ist noch besser, als über das Meer zu ziehen! Wie leide ich an Sehnsucht! Wäre es doch Weihnachten! Nun bin ich hoch und entfaltet wie die andern, die im vorigen Jahre davon geführt wurden! O, wäre ich erst auf dem Wagen, wäre ich doch in der warmen Stube mit all der Pracht und Herrlichkeit! Und dann? Ja, dann kommt noch etwas Besseres, noch Schöneres, warum würden sie mich sonst so schmücken? Es muss noch etwas Größeres, Herrlicheres kommen! Aber was? O, ich leide, ich sehne mich, ich weiß selbst nicht, wie es mir ist!"
"Freue dich unser!" sagten die Luft und das Sonnenlicht; "freue dich deiner frischen Jugend im Freien!"
Aber er freute sich durchaus nicht; er wuchs und wuchs, Winter und Sommer stand er grün; dunkelgrün stand er da, die Leute, die ihn sahen, sagten: "Das ist ein schöner Baum!" und zur Weihnachtszeit wurde er von allen zuerst gefällt. Die Axt hieb tief durch das Mark; der Baum viel mit einem Seufzer zu Boden, er fühlte einen Schmerz, eine Ohnmacht, er konnte gar nicht an irgend ein Glück denken, er war betrübt, von der Heimat scheiden zu müssen, von dem Flecke, auf dem er emporgeschossen war; er wusste ja, dass er die lieben alten Kameraden, die kleinen Büsche und die Blumen ringsumher nie mehr sehen werde, ja vielleicht nicht einmal die Vögel. Die Abreise hatte durchaus nichts Behagliches.
Der Baum kam erst wieder zu sich selbst, als er im Hofe, mit andern Bäumen abgeladen, einen Mann sagen hörte: "Dieser hier ist prächtig! Wir brauchen nur diesen!"
Nun kamen zwei Diener im vollen Staat und trugen den Tannenbaum in einen großen schönen Saal. Ringsumher an den Wänden hingen Bilder, und bei dem großen Kachelofen standen große chinesische Vasen mit Löwen auf den Deckeln; da waren Wiegestühle, seidene Sofas, große Tische voll von Bilderbüchern und Spielzeug für hundertmal hundert Taler; wenigstens sagten das die Kinder. Der Tannenbaum wurde in ein großes, mit Sand gefülltes Fass gestellt, aber Niemand konnte sehen, dass es ein Fass war, denn es wurde rundherum mit grünem Zeug behängt und stand auf einem großen bunten Teppich. O wie der Baum bebte! Was wird da doch vorgehen? Sowohl die Diener als die Fräulein schmückten ihn. An einem Zweig hängten sie kleine Netze, aus farbigem Papier ausgeschnitten, jedes Netz war mit Zuckerwerk gefüllt; vergoldete Äpfel und Wallnüsse hingen herab, als wären sie fest gewachsen und über hundert rote, blaue und weiße kleine Lichter wurden in den Zweigen festgesteckt. Puppen, die leibhaft wie die Menschen aussahen - der Baum hatte früher nie solche gesehen - schwebten im Grünen, und hoch oben in der Spitze wurde ein Stern von Flittergold befestigt. Das war prächtig, ganz außerordentlich prächtig! "Heute Abend", sagten Alle, "heute Abend wird es strahlen!" "O", dachte der Baum "wäre es doch Abend! Würden nur die Lichter bald angezündet! Und was dann wohl geschieht? Ob da wohl Bäume aus dem Walde kommen, mich zu sehen? Ob die Sperlinge gegen die Fensterscheiben fliegen? Ob ich hier festwachse und Winter und Sommer geschmückt stehen werde?
Ja, er wusste gut Bescheid; aber er hatte ordentlich Borkenschmerzen vor lauter Sehnsucht, und Borkenschmerzen sind für einen Baum eben so schlimm wie Kopfschmerzen für uns Andere.
Nun wurden die Lichter angezündet. Welcher Glanz, welche Pracht! Der Baum bebte in allen Zweigen dabei, so dass eins der Lichter das Grüne anbrannte; es sengte ordentlich.
"Gott bewahre uns!" schrieen die Fräulein und löschten es hastig aus.
Nun durfte der Baum nicht einmal beben. O, das war ein Grauen! Ihm war bange, etwas von seinem Staate zu verlieren; er war ganz betäubt von all dem Glanze. Da gingen beide Flügeltüren auf, und eine Menge Kinder stürzten herein, als wollten sie den ganzen Baum umwerfen, die älteren Leute kamen bedächtig nach; die Kinder standen ganz stumm, aber nur einen Augeblick, dann jubelten sie wieder, dass es laut schallte, sie tanzten um den Baum herum, und ein Geschenk nach dem andern wurde abgepflückt. "Was machen sie?" dachte der Baum. "Was soll geschehen?" Die Lichter brannten gerade bis auf die Zweige herunter, und je nachdem sie niederbrannten, wurden sie ausgelöscht, und dann erhielten die Kinder die Erlaubnis, den Baum zu plündern. O, sie stürzten auf denselben ein, dass es in allen Zweigen knackte; wäre er nicht mit der Spitze und mit dem Goldsterne an der Decke festgemacht gewesen, so wäre er umgestürzt.
Die Kinder tanzten mit ihrem prächtigen Spielzeug herum, Niemand sah nach dem Baume, ausgenommen das alte Kindermädchen, welches kam und zwischen die Zweige blickte; aber es geschah nur, um zu sehen, ob nicht noch eine Feige oder ein Apfel vergessen sei. "Eine Geschichte, eine Geschichte!" riefen die Kinder und zogen einen kleinen dicken Mann gegen den Baum hin, und er setzte sich gerade unter denselben, "denn so sind wir im Grünen", sagte er, "und der Baum kann besonders Nutzen davon haben, zuzuhören! Aber ich erzähle nur eine Geschichte. Wollt ihr die von Ivede - Avede oder die von Klumpe - Dumpe hören, der die Treppen hinunterfiel und doch erhöht wurde und die Prinzessin erhielt?"
"Ivede - Avede!" schrieen Einige, "Klumpe - Dumpe!" schrieen Andere. Das war ein Rufen und Schreien! Nur der Tannenbaum schwieg ganz still und dachte: "Komme ich gar nicht mit, werde ich nichts dabei zu tun haben?" Er war ja mit gewesen, hatte ja geleistet, was er sollte.
Der Mann erzählte von Klumpe - Dumpe, welcher die Treppen hinunterfiel und doch erhöht wurde und die Prinzessin erhielt. Und die Kinder klatschten in die Hände und riefen: "Erzähle, erzähle!" Sie wollten auch die Geschichte von Ivede - Avede hören, aber sie bekamen nur die von Klumpe - Dumpe. Der Tannenbaum stand ganz stumm und gedankenvoll, nie hatten die Vögel im Walde dergleichen erzählt. "Klumpe - Dumpe fiel die Treppen hinunter und bekam doch die Prinzessin! Ja, ja, so geht es in der Welt zu!" dachte der Tannenbaum und glaubte, dass es wahr sei, weil es ein so netter Mann war, der es erzählte. "Ja, ja! Vielleicht falle ich auch die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin!" Und er freute sich, den nächsten Tag wieder mit Lichtern und Spielzeug, Gold und Früchten aufgeputzt zu werden.
"Morgen werde ich nicht zittern!" dachte er. "Ich will mich recht aller meiner Herrlichkeit freuen. Morgen werde ich wieder die Geschichte von Klumpe - Dumpe und vielleicht auch die von Ivede - Avede hören." Und der Baum stand die ganze Nacht still und gedankenvoll.
Am Morgen kamen die Diener und das Mädchen herein. "Nun beginnt der Staat aufs neue!" dachte der Baum; aber sie schleppten ihn zum Zimmer hinaus, die Treppe hinauf, auf den Boden, und stellten ihn in einen dunklen Winkel, wohin kein Tageslicht schien. "Was soll das bedeuten?" dachte der Baum. "Was soll ich hier wohl machen? Was mag ich hier wohl hören sollen?" Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte und dachte. Und er hatte Zeit genug, denn es vergingen Tage und Nächte; Niemand kam herauf, und als endlich Jemand kam, so geschah es, um einige große Kästen in den Winkel zu stellen; der Baum stand ganz versteckt, man musste glauben, dass er ganz vergessen war.
"Nun ist es Winter draußen!" dachte der Baum. "Die Erde ist hart und mit Schnee bedeckt, die Menschen können mich nicht pflanzen; deshalb soll ich wohl bis zum Frühjahr hier im Schutz stehen! Wie wohl bedacht ist das! Wie die Menschen doch so gut sind! Wäre es hier nur nicht so dunkel und schrecklich einsam! Nicht einmal ein kleiner Hase! Das war doch niedlich da draußen im Wald, wenn der Schnee lag und der Hase vorbei sprang, ja selbst als er über mich hinwegsprang; aber damals mochte ich es nicht leiden. Hier oben ist es doch schrecklich einsam!"
"Pip, pip!" sagte da eine kleine Maus und huschte vorbei; und dann kam noch eine kleine. Sie beschnüffelten den Tannenbaum und dann schlüpften sie zwischen dessen Zweige.
"Es ist eine gräuliche Kälte!" sagten die kleinen Mäuse. "Sonst ist hier gut sein; nicht wahr, du alter Tannenbaum?"
"Ich bin gar nicht alt!" sagte der Tannenbaum; "es gibt viele, die weit älter sind als ich!"
"Woher kommst du", fragten die Mäuse, "und was weißt du?" Sie waren gewaltig neugierig. " Erzähle uns doch von den schönsten Orten auf Erden! Bist du dort gewesen? Bist du in der Speisekammer gewesen, wo man auf Talglicht tanzt, mager hineingeht und fett herauskommt?"
"Das kenne ich nicht", sagte der Baum; "aber den Wald kenne ich, wo die Sonne scheint und die Vögel singen!" Und dann erzählte er alles aus seiner Jugend, die kleinen Mäuse hatten früher nie dergleichen gehört, und sie horchten auf und sagten: "Wie viel du gesehen hast! Wie glücklich du gewesen bist!"
"Ich?" sagte der Tannenbaum und dachte über das, was er selbst erzählte, nach. "Ja, es waren im Grunde ganz fröhliche Zeiten!" Aber dann erzählte er vom Weihnachtsabend, wo er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war.
"O, sagten die kleinen Mäuse, wie glücklich du gewesen bist, du alter Tannenbaum!"
"Ich bin gar nicht alt!" sagte der Baum; "erst in diesem Winter bin ich vom Walde gekommen! Ich bin in meinem allerbesten Alter, ich bin nur so aufgeschossen."
"Wie schön du erzählst!" sagten die kleinen Mäuse, und in der nächsten Nacht kamen sie mit vier anderen kleinen Mäusen, die den Baum erzählen hören sollten, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich selbst an Alles und dachte: "Es waren doch ganz fröhliche Zeiten! Aber sie können wiederkommen, können wiederkommen!" Klumpe - Dumpe fiel die Treppe hinunter und erhielt doch die Prinzessin; vielleicht kann ich auch eine Prinzessin bekommen." Und dann dachte der Tannenbaum an eine kleine niedlich Birke, die draußen im Walde wuchs; das war für den Tannenbaum eine wirkliche schöne Prinzessin.
"Wer ist Klumpe - Dumpe?" fragten die kleinen Mäuse. Da erzählte der Tannenbaum das ganze Märchen, er konnte sich jedes einzelnen Wortes entsinnen; die kleinen Mäuse waren aus reiner Freude bereit, bis an die Spitze des Baumes zu springen. In der folgenden Nacht kamen weit mehr Mäuse und am Sonntage sogar zwei Ratten, aber die meinten, die Geschichte sei nicht hübsch, und das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten sie auch weniger davon. "Wissen sie nur die eine Geschichte?" fragten die Ratten.
"Nur die eine", antwortete der Baum; "die hörte ich an meinem glücklichsten Abend, aber damals dachte ich nicht daran, wie glücklich ich war."
"Das ist eine höchst jämmerliche Geschichte! Kennen sie keine von Speck und Talglicht? Keine Speisekammergeschichte?"
"Nein!" sagte der Baum.
"Ja, dann danken wir dafür!" erwiderten die Ratten und gingen zu den Ihrigen zurück. Die kleinen Mäuse blieben zuletzt auch weg, und da seufzte der Baum: "Es war doch ganz hübsch, als sie um mich herum saßen, die beweglichen kleinen Mäuse, und zuhörten, wie ich erzählte! Nun ist auch das vorbei! Aber ich werde daran denken, mich zu freuen, wenn ich wieder hervorgenommen werde."
Aber wann geschah das? Ja, es war eines Morgens, da kamen Leute und wirtschafteten auf dem Boden; die Kästen wurden weggesetzt, der Baum wurde hervorgezogen; sie warfen ihn freilich ziemlich hart gegen den Fußboden, aber ein Diener schleppte ihn gleich nach der Treppe hin, wo der Tag leuchtete.
"Nun beginnt das Leben wieder!" dachte der Baum; er fühlte die frische Luft, die ersten Sonnenstrahlen, und nun war er draußen im Hofe. Alles ging geschwind, der Baum vergaß völlig sich selbst zu betrachten, da war so Vieles ringsumher zu sehen. Der Hof stieß an einen Garten, und Alles blühte darin; die Rosen hingen frisch und duftend über das kleine Gitter hinaus, die Lindenbäume blühten, und die Schwalben zogen umher und sagten: "Quirrevirrevit, mein Mann ist kommen!" Aber es war nicht der Tannenbaum, den sie meinten.
"Nun werde ich leben!" jubelte dieser und breitete seine Zweige weit aus; aber ach, die waren alle vertrocknet und gelb; und er lag da zwischen Unkraut und Nesseln. Der Stern von Goldpapier saß noch oben in der Spitze und glänzte im hellen Sonnenschein. Im Hofe selbst spielten ein paar der munteren Kinder, die zur Weihnachtszeit den Baum umtanzt hatten und so froh über denselben gewesen waren. Eins der kleinsten lief hin und riss den Goldstern ab.
"Sieh, was da noch an dem hässlichen alten Tannenbaum sitzt!" sagte es und trat auf die Zweige, so dass sie unter seinen Stiefeln knackten.
Der Baum sah auf all die Blumenpracht und Frische im Garten, er betrachtete sich selbst und wünschte, dass er in seinem dunkeln Winkel auf dem Boden geblieben wäre; er gedachte seiner frischen Jugend im Walde, des lustigen Weihnachtsabends und der kleinen Mäuse, die so munter die Geschichte von Klumpe - Dumpe angehört hatten.
"Vorbei, vorbei!" sagte der arme Baum. "Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei, vorbei!"
Der Diener kam und hieb den Baum in kleine Stücke, ein ganzes Bund lag da; hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel. Der Baum seufzte tief und jeder Seufzer war einem kleinen Schusse gleich; deshalb liefen die Kinder, die da spielten, herbei und setzten sich vor das Feuer, blickten in dasselbe hinein und riefen: "Piff, paff!" Aber bei jedem Knalle, der ein tiefer Seufzer war, dachte der Baum an einen Sommerabend im Walde oder an eine Winternacht da draußen, wenn die Sterne funkelten; er dachte an den Weihnachtsabend und an Klumpe - Dumpe, das einzige Märchen, welches er gehört hatte und zu erzählen wusste - und dann war der Baum verbrannt.
Die Knaben spielten im Garten, und der kleinste hatte den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen; nun war der vorbei, und mit dem Baum war es auch vorbei und mit der Geschichte auch; vorbei, vorbei, und so geht es mit allen Geschichten!

Autor: Hans Christian Andersen

Ausführliche Interpretation des Märchens

Andersens "Der Tannenbaum" ist weit mehr als eine simple Weihnachtsgeschichte. Auf den ersten Blick erzählt sie vom Schicksal eines Baumes, der zum Fest geschmückt wird. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sie sich als tiefgründige Parabel über die menschliche Unzufriedenheit und die verpassten Chancen des Lebens. Der Tannenbaum lebt stets in der Zukunft. Als junger Baum sehnt er sich danach, groß zu sein. Ist er groß, will er wie die anderen gefällt und als Mastbaum über das Meer fahren. Als er vom prächtigen Weihnachtsfest hört, wird dies sein neues, einziges Ziel. Er ist nie im Hier und Jetzt verankert, würdigt nicht die Sonne, die frische Luft oder die Gesellschaft der anderen Waldbewohner. Seine kurze Phase des vermeintlichen Glücks – geschmückt in der warmen Stube – ist von Unruhe und Angst geprägt, etwas von diesem Staat zu verlieren. Die Ernüchterung folgt schnell: Nach dem Fest wird er auf den dunklen Dachboden verbannt, wo er sich in Erinnerungen flüchtet, bis er schließlich als Brennholz endet. Die Geschichte ist eine schonungslose Studie über die Sehnsucht nach dem vermeintlich Besseren und das Versäumnis, den gegenwärtigen Moment wertzuschätzen. Der Baum erkennt seine eigentliche Glückszeit erst, als sie unwiederbringlich vorbei ist. Diese zeitlose Botschaft macht das Märchen so ergreifend und relevant.

Biografischer Kontext des Autors

Hans Christian Andersen (1805-1875) ist einer der weltweit bekanntesten Märchendichter. Seine Werke wie "Die kleine Meerjungfrau", "Das hässliche Entlein" oder "Die Schneekönigin" wurden in über 100 Sprachen übersetzt. Andersens eigenes Leben war geprägt von Aufstieg und innerer Zerrissenheit. Aus ärmlichen Verhältnissen in Odense stammend, gelang ihm der soziale Aufstieg zum gefeierten Schriftsteller. Dennoch fühlte er sich oft als Außenseiter, unzufrieden und von Sehnsüchten getrieben – Gefühle, die er meisterhaft in seine Figuren projizierte. Der Tannenbaum mit seiner ruhelosen Suche nach Bedeutung und Anerkennung ist ein klassischer Andersen-Protagonist. Der Autor verstand es, philosophische Tiefe und melancholische Untertöne in scheinbar kindliche Erzählungen zu weben. "Der Tannenbaum" (1844) entstand in seiner mittleren Schaffensphase, in der er zunehmend komplexere und bittersüße Stoffe behandelte. Das Märchen reflektiert vielleicht auch Andersens ambivalente Haltung zum Ruhm: die kurze Freude über die Bewunderung und die anschließende Angst vor dem Vergessenwerden.

Moral und Werte

Das Märchen vermittelt Werte, die in besonderem Kontrast zum üblichen weihnachtlichen Konsumrausch stehen und damit eine wichtige Gegenbotschaft bieten. Im Zentrum steht die Aufforderung zur Achtsamkeit und Dankbarkeit für das, was man im gegenwärtigen Augenblick besitzt. Der Baum ignoriert beharrlich die Schönheit seiner Jugend und seiner natürlichen Umgebung. Zur Weihnachtszeit geht es zudem um den Umgang mit Vergänglichkeit. Der strahlende, aber kurze Festtagsschmuck steht symbolisch für äußerlichen Glanz, der nicht von Dauer ist. Wahre Erfüllung liegt nicht im äußeren Prunk, sondern in den einfachen, echten Erfahrungen und Beziehungen – wie den Gesprächen mit den Mäusen auf dem Dachboden, die der Baum erst im Nachhinein schätzt. Es ist also ein Märchen, das zur Besinnung und zur Wertschätzung der nicht-materiellen Seiten des Lebens einlädt, was eine tiefe Übereinstimmung mit dem ursprünglichen Geist von Weihnachten darstellt.

Realitätsbezug oder Eskapismus?

"Der Tannenbaum" ist das genaue Gegenteil von Eskapismus. Es baut keine heile Weihnachtswelt auf, sondern thematisiert gezielt die Brüche und die Melancholie, die auch in der Festzeit existieren können. Die Geschichte blendet Probleme wie Entwurzelung, die Sehnsucht nach Anerkennung, die Angst vor der Bedeutungslosigkeit und das schmerzhafte Gefühl, das eigene Glück verpasst zu haben, keineswegs aus. Sie zeigt den kurzen, fast stressigen Höhepunkt des Festes aus der Perspektive des geschmückten, aber zitternden Baumes und die lange, einsame Zeit danach auf dem Dachboden. Damit spricht das Märchen die Realität an, dass nach den glanzvollen Feiertagen oft ein trübsinniges Gefühl der Leere folgen kann. Es ist eine erwachsene, realistische Perspektive, die in ein Märchengewand gekleidet ist, und bietet damit Trost für alle, die sich in der Weihnachtszeit auch einmal einsam oder fehl am Platz fühlen.

Welche Stimmung erzeugt das Märchen?

Die Stimmung des Märchens ist komplex und wandelt sich. Zunächst herrscht eine unruhige, getriebene Atmosphäre vor, die von der ständigen Unzufriedenheit des Baumes geprägt ist. Die Weihnachtsszene erzeugt einen funkelnden, aber auch hektischen und oberflächlichen Glanz. Der Absturz auf den Dachboden bringt eine tiefe, nachdenkliche Melancholie und Einsamkeit mit sich. Die Gespräche mit den Mäusen haben einen warmen, nostalgischen Ton, der jedoch von der traurigen Erkenntnis des Baumes überschattet wird, sein eigenes Glück nicht erkannt zu haben. Das Ende ist bitter und poetisch zugleich: Während der Baum verbrennt, denkt er an die schönen Momente seines Lebens. Insgesamt hinterlässt die Lektüre ein nachdenkliches, wehmütiges, aber auch bereicherndes Gefühl. Sie ist keine reine "Feel-Good"-Geschichte, sondern eine, die zum Innehalten anregt.

Für welchen Anlass eignet sich das Märchen?

Dieses Märchen eignet sich perfekt für ruhige Besinnungsmomente in der Advents- oder Weihnachtszeit, abseits des vorweihnachtlichen Trubels. Es ist ideal für einen gemütlichen, vielleicht etwas reflektierten Abend in der Familie, an dem man über die tieferen Werte der Festtage sprechen möchte. Es passt auch wunderbar in einen literarischen Weihnachtskreis für Erwachsene oder ältere Jugendliche. Aufgrund seiner melancholischen Töne ist es weniger geeignet als reine Unterhaltung für eine laute Weihnachtsfeier, sondern eher als impulsgebende Lektüre am Heiligabend oder am Tag danach, wenn die Stimmung ruhiger wird.

Für welche Altersgruppe eignet sich das Märchen?

Die Geschichte kann aufgrund ihrer bildhaften Sprache Kindern ab etwa 8 oder 9 Jahren vorgelesen werden. Sie verstehen die Handlung und die offensichtliche Moral. Die ganze philosophische Tiefe, die Tragik und die feinen Nuancen der Erzählung erschließen sich jedoch erst Jugendlichen und Erwachsenen. Für sie ist das Märchen ein wahres Kleinod, das mit jeder Lebenserfahrung an Bedeutung gewinnt. Es ist also ein generationenübergreifendes Werk, das auf unterschiedlichen Ebenen wirkt.

Für wen eignet sich das Märchen weniger?

Für sehr junge Kinder (unter 6 Jahren), die eine fröhliche, geradlinige und tröstliche Weihnachtsgeschichte erwarten, ist Andersens Erzählung weniger geeignet. Das Ende des Baumes könnte sie traurig stimmen, und die subtile Botschaft geht verloren. Auch wer eine reine ausgelassene und unbeschwerte Weihnachtsunterhaltung sucht, um sich abzulenken, könnte die nachdenkliche und wehmütige Grundstimmung als zu schwer empfinden. Es ist kein Märchen für den schnellen Festtagsjubel.

Abschließende Empfehlung

Wähle "Der Tannenbaum" genau dann, wenn du eine Weihnachtsgeschichte suchst, die mehr Tiefgang und Wahrheit bietet als viele andere. Sie ist perfekt für den Moment, in dem du dir und anderen eine Pause vom kommerziellen Weihnachtstrubel gönnen und über das Wesentliche nachdenken möchtest. Lies sie an einem stillen Dezemberabend, vielleicht bei Kerzenschein, oder nutze sie als Gesprächsanstoß in der Familie über das, was im Leben wirklich zählt. Dieses Märchen ist ein zeitloser Begleiter für alle, die Weihnachten nicht nur als Fest des äußeren Glanzes, sondern auch als Zeit der inneren Einkehr verstehen. Es erinnert uns sanft, aber nachhaltig daran, die Gegenwart zu umarmen, anstatt immer nur der nächsten Verheißung hinterherzujagen – eine Botschaft, die weit über die Festtage hinausreicht.

Mehr Weihnachtsmärchen

Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Käufen.