Nikolause
Nikolause
Autor: Sophie Reinheimer
Es war Niklausabend-Tag, und soeben hatte der Bäcker ein großes Kuchenblech voll frischgebackener Nikolause aus dem Ofen gezogen.
Die Augen standen ihnen - dass Gott erbarm! - so dick wie Froschaugen aus dem Kopfe heraus. Eine Nase hatte der Bäcker überhaupt für überflüssig gehalten - auch Ohren. Der Mund aber saß dem einen rechts - dem andern links, und hatte eine
verzweifelte Ähnlichkeit mit den Westenknöpfen.
Von den Armen und Beinen gar nicht zu reden! Was kümmerten die den Bäcker? Er hatte ja alle seine vier Glieder - und nicht zu knapp! Die Nikolause, die würde er auf alle Fälle verkaufen, ob sie nun wulstige oder spindeldürre Arme - gerade Beine oder nur zwei zugespitzte Klumpen hatten.
Zuerst waren nun die Frischgebackenen da eine Weile still. Sie mussten sich die Welt ringsum doch erst ein wenig ansehn. Da merkten die, die das Glück hatten, geradeaus sehn zu können, dass die Decke der Backstube lachte.
"Warum lachen Chie?" fragte einer, der einen bedauerlich schiefen Wund bekommen hatte.
"Ach" - entschuldigte sich die Decke - "ich wunderte mich nur darüber, dass der Bäcker es in keinem Jahre fertig bringt, tadellose Nikolause zu backen."
"Tadelloch - wach choll dach heichen?" fragte der Nikolaus und rollte seine schwarzen Korinthenaugen.
Nun mischten sich auch die andern ein. "Ja - wollen Sie uns bitte eine Erklärung geben, was sie mit dem Worte "tadellos" gemeint haben?"
"Ach - ich meinte ja nur so - so - na ja: eben so, wie sich's gehört. Arme und Beine hübsch regelmäßig geformt, der Mund in der Mitte und auch die Augen auf ihrem richtigen Platz. Aber es ist noch nie vorgekommen, dass der Bäcker solche Männer zustande gebracht hat. Der heilige Nikolaus wird sich bedanken für seine gebackenen Photographien!"
Inzwischen hatte der Bäckermeister sich daran gemacht, ein zweites Blech mit Teigmännern zu belegen. Sie fielen nicht besser aus. Im Gegenteil! Es war haarsträubend, was der Bäcker sich in seiner Schöpferlaune leistete! Klebten zwei Korinthen zusammen - "Da: hast de zwei Münder."
"Es ist empörend!" rief der Tisch. "Ein Doppelmund! Aber der wäre dem schwatzhaften Bäcker selber sicher sehr angenehm. Dass ihm doch der heilige Nikolaus den eigenen Kopf so tief zwischen die Schultern steckte!"
"Ja - und ihn recht kräftig an den Ohren zwickte," grollte der Stuhl. "Dann würde er sich seiner Hörorgane vielleicht erinnern."
Am hitzigsten war aber der Backofen. "Die Augen sollte man ihm auskratzen und sie ihm hüben und drüben auf die Backen kleistern" - schrie er wütend. "Ein Skandal ist es! Und schließlich bleibt ja doch alles an mir hängen."
Nun kam die Frau Bäckermeisterin mit einem Körbchen, stellte die Nikolause hinein und trug sie in das Schaufenster des Mädchens.
"Aah - aah - aah -," kam es von allen Seiten, "die Herren Nikolause!" Gleich kam auch ein Trupp Schulbuben die Straße daher, drückte sich die Nase an den Scheiben platt, rief: "Nikkelees! Nikkelees!" und verschlang mit den Augen das ganze Körbchen.
Die Männer aus dem feurigen Ofen mussten durchaus den Eindruck gewinnen, als werde ihnen hier unverhohlene - ja begeisterte Bewunderung zuteil.
Einer von ihnen, dem die Augen ungefähr in gleicher Höhe mit dem Munde saßen, dessen obere Kopfhälfte aber dafür außerordentlich viel Platz zum Denken ließ, philosophierte: "Der Geschmack und die Ansichten dieser Welt scheinen sehr geteilt zu sein. Was von dem einem verlacht wird, wird von den andern bewundert."
Mit dieser Erkenntnis suchten seine Kameraden - je nach Veranlagung - (d.h.: je nachdem man ihnen die Korinthen in den Kopf gedrückt und dadurch ihren Gesichtern Ausdruck verliehen hatte) fertig zu werden. Die einen mit Humor, die andern mit Pessimismus, die dritten mit dem Grundsatz der allgemeinen Wurschtigkeit.
"Was aber mag der eigentliche Zweck des Lebens - des Lebens eines Nikolauses - sein?" grübelte der mit der Denkerstirne weiter.
Er brauchte nicht lange auf die Antwort zuwarten. Die Ladentür klingelte, und herein trat eine Frau in Schürze, Pantoffeln und Kopftuch. "Gewwe Se mer mal sechs Stick von dene Nikkeleese", sagte sie zur Bäckermeisterin. "Mer muss doch merkke, dass heit Nikkeleesabend is. Awwer von dene große - zu 10 Pfennig."
"Aha!" dachte der Philosoph aus Kuchenteig. "Die Dinge des Lebens werden also verschieden bewertet. Je nach Größe und Umfang - sehr vernünftig!"
Er verschwand mit fünf Kollegen in einer Tüte. "Zuhause" wurde er ausgepackt.
"Wie groß ist doch die Welt! Nicht nur einen Geburtsort und einen Kaufladen - nein: auch noch eine Straße und ein "Zuhause" gibt es darin -" dachte er begeistert.
Nun verbreitete sich in der Stube ein würziger Duft; Tassen wurden auf den Tisch gestellt und in jede derselben ein Nikolaus hineingesteckt. Recht stattlich nahm er sich doch aus, dieser Kreis von wackeren Kumpanen! Herzerquickend war denn auch die Freude der Kinderschar.
Unser Held wollte gerade ausrufen: "Kameraden - O Gott - das Leben ist doch schön!" da verzogen sich seine drei Münder - oder seine drei Augen - wie man's nehmen will - und er spürte einen Riss in seiner Kopfhaut. "Ach nein - kurz scheint's zu sein," konnte er merkwürdigerweise doch noch denken. "Und der Hunger scheint mächtiger zu sein als die Liebe."
Hierin hatte er nicht unbedingt recht - glücklicherweise. Denn wenn auch seine fünf Genossen geköpft, gevierteilt oder sonst wie misshandelt und dann aus kannibalische Weise verspeist wurden - er kam mit einer leichten Verletzung davon.
"Ich will mein Nikkelees doch liewer erst mal dem werkliche Nikkelees heit abend zeige -" sagte seine kleine Besitzerin liebevoll.
"Tu des - tu des nur, mei Herzche," nickte die Mutter.
Also ward dem Glücklichen noch eine Galgenfrist beschert. Er benutzte sie natürlich sofort wieder zum philosophieren. "Nur die Gedanken scheinen ewig," meinte er. -
Nun: Der Abend kam, und der wirkliche Nikolaus kam. Er betrachtete sein Kuchen-Konterfei - lange und prüfend; und schüttelte dann sein ehrwürdiges Haupt.
Plötzlich aber hellte sich die Miene des wirklichen Nikolaus auf. "Ich armer Nikolaus - soll ich schon klagen?" rief er aus. "Du lieber Gott - - - was musst du erst alles an deinen Ebenbildern erleben!"
- Ausführliche Interpretation der Geschichte
- Biografischer Kontext der Autorin
- Moral und Werte der Geschichte
- Realitätsbezug oder Eskapismus?
- Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
- Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
- Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
- Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
- Abschließende Empfehlung
Ausführliche Interpretation der Geschichte
Sophie Reinheimer erzählt in "Nikolause" eine ungewöhnliche und tiefgründige Weihnachtsgeschichte aus der Perspektive von Gebäck. Die frisch gebackenen Nikolausfiguren sind keineswegs perfekt, sondern voller Fehler: schiefe Augen, verrutschte Münder und unförmige Glieder. Die Geschichte beginnt als humorvolle Kritik an der mangelnden handwerklichen Sorgfalt des Bäckers, die von den Gegenständen in der Backstube – der Decke, dem Tisch, dem Ofen – lautstark kommentiert wird. Diese personifizierten Objekte verkörpern den strengen, unnachgiebigen Blick auf Äußerlichkeiten und Normen.
Der entscheidende Wendepunkt ist der Moment, in dem die "missratenen" Nikolause ins Schaufenster gestellt werden. Dort erfahren sie plötzlich begeisterte Bewunderung von den Schulkindern. Diese Szene entlarvt die Relativität von Schönheitsidealen und Wertvorstellungen. Was in der Werkstatt als Makel gilt, wird draußen in der Welt mit Freude begrüßt. Die eigentliche Handlung und Philosophie entfaltet sich dann durch die "Gedanken" eines besonders nachdenklichen Nikolaus, der seine Reise vom Backofen über den Laden bis in ein Familienheim miterlebt. Seine innere Reflexion über den Zweck des Lebens, die unterschiedliche Bewertung von Dingen und schließlich seine eigene Auflösung im heißen Kakao geben der Erzählung eine fast melancholische, aber auch weise Note. Die Pointe kommt mit dem Besuch des "wirklichen" Nikolaus, der sein krummes Ebenbild betrachtet und in einem Moment der Selbsterkenntnis seine eigene Klage relativiert. Die Geschichte ist somit eine Parabel auf Toleranz, die Subjektivität der Wahrnehmung und eine liebevolle Akzeptanz der Unvollkommenheit – sowohl der eigenen als auch der anderer.
Biografischer Kontext der Autorin
Sophie Reinheimer (1874–1935) war eine deutsche Schriftstellerin, die vor allem für ihre Kinder- und Jugendbücher bekannt wurde. Ihre Werke sind oft dem Genre der heimlichen Aufklärung zuzuordnen, in dem naturkundliches Wissen (über Pflanzen, Tiere, Jahreszeiten) in phantasievolle, märchenhafte Erzählungen verpackt wird. "Nikolause" ist ein typisches Beispiel für ihren Stil: Sie belebt unbelebte Gegenstände und lässt sie die Welt aus ihrer naiven, aber scharfsinnigen Perspektive kommentieren. Reinheimer schrieb in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche, doch ihre Geschichten zeichnen sich weniger durch direkte Sozialkritik aus als durch eine warmherzige, lebensbejahende und manchmal leicht ironische Betrachtung des Alltags. Ihr Werk steht in der Tradition der phantastischen Kinderliteratur, die mit feinem Humor und ohne belehrenden Zeigefinger Lebensweisheiten vermittelt. Diese Geschichte zeigt ihr besonderes Talent, scheinbar simple Festtagsbräuche in einen größeren, philosophischen Rahmen zu stellen.
Moral und Werte der Geschichte
Die Geschichte vermittelt Werte, die perfekt zur weihnachtlichen Botschaft der Nächstenliebe und Besinnlichkeit passen, sie aber auf unkonventionelle Weise interpretieren.
- Akzeptanz der Unvollkommenheit: Der zentrale Wert ist die Liebe und der Wert jenseits perfekter Äußerlichkeiten. Die krummen Nikolause werden trotz (oder vielleicht gerade wegen) ihrer Fehler von den Kindern ersehnt und geliebt.
- Relativität der Perspektive: Die Geschichte lehrt, dass Bewertungen immer vom Standpunkt abhängen. Was der Backofen als "Skandal" empfindet, ist für die Kinder ein Grund zur Freude.
- Demut und Selbsterkenntnis: Die Schlusspointe mit dem echten Nikolaus ist ein Appell zur Demut. Bevor man über die Fehler anderer (oder der eigenen "Abbilder") klagt, sollte man die eigene Unvollkommenheit und die größeren Zusammenhänge bedenken.
- Freude an den kleinen Dingen: Die pure Existenz und der würzige Duft der Nikolause schenken den Kindern ein beglückendes Festtagserlebnis. Die Geschichte feiert diese einfache, materielle Freude.
Realitätsbezug oder Eskapismus?
"Nikolause" ist weder reiner Eskapismus in eine heile Welt, noch thematisiert sie direkt soziale Brüche wie Armut. Stattdessen wählt sie einen klugen Mittelweg. Sie blendet harte äußere Realitäten aus, um sich ganz auf eine innere, philosophische Realität zu konzentrieren: die alltägliche Erfahrung des Nicht-Perfekt-Seins und des Bewertet-Werdens. Die Geschichte thematisiert die "Brüche" in der Perfektionserwartung. Der Bäcker ist nachlässig, das Gebäck ist fehlerhaft, und sogar der echte Nikolaus muss einen Moment der Frustration überwinden. Sie schafft keine makellose Idylle, sondern eine Welt, in der Macken normal sind und dennoch (oder deswegen) Zuneigung und Wertschätzung erfahren. In diesem Sinne ist sie sehr realitätsnah, denn sie handelt von der Kunst, mit den Unzulänglichkeiten des Lebens – ob in Backwerk oder zwischenmenschlichen Beziehungen – liebevoll umzugehen.
Welche Stimmung erzeugt die Geschichte?
Die Stimmung ist ein einzigartiges Gemisch aus heiterem Humor, feiner Ironie und nachdenklicher Melancholie. Der Anfang mit den kommentierenden Küchengegenständen ist urkomisch und schafft eine lockere, fast kabarettistische Atmosphäre. Die naive Verwunderung der Teigmänner und ihre philosophischen Gedanken auf der Reise ins "Zuhause" erzeugen eine warmherzige und charmante Stimmung. Die Szene, in der der Nikolaus im Kakao "stirbt", hat jedoch eine leichte, wehmütige Unterströmung, die das Vergängliche und zugleich Sinnstiftende des Daseins berührt. Die Schlussszene mit der Erkenntnis des echten Nikolaus rundet alles mit einem Gefühl der Weisheit und gelassenen Reife ab. Insgesamt hinterlässt die Lektüre ein wohliges, besinnliches und zutiefst menschliches Gefühl.
Für welchen Anlass eignet sich die Geschichte?
Diese Geschichte eignet sich hervorragend für den Nikolaustag selbst (6. Dezember), um die Tradition des Nikolausgebäcks zu begleiten. Sie passt aber auch wunderbar in die Adventszeit als vorweihnachtliche Vorlesegeschichte bei Familienfeiern, in gemütlichen Runden bei Tee und Gebäck oder im Schul- und Kindergartenbereich zur Einstimmung auf das Fest. Aufgrund ihrer philosophischen Tiefe ist sie zudem ein ausgefallener Beitrag für einen literarischen Adventskreis oder eine Weihnachtsfeier, die mehr als nur oberflächliche Unterhaltung bieten möchte.
Für welche Altersgruppe eignet sich die Geschichte?
Die Geschichte besitzt mehrere Ebenen, die unterschiedliche Altersgruppen ansprechen. Die lustige Personifizierung der Backutensilien und die skurrilen Beschreibungen der Teigmänner begeistern Kinder ab etwa 5 bis 6 Jahren. Die grundlegende Botschaft, dass auch krumme Dinge schön sein können, verstehen sie intuitiv. Ältere Kinder und Jugendliche ab 10 Jahren können die ironischen Kommentare und die philosophischen Gedankengänge des "Helden" bereits besser nachvollziehen. Für Erwachsene entfaltet die Geschichte ihren ganzen Reiz als literarische, humorvoll-melancholische Parabel über das Leben an sich. Sie ist also ein wahrhaft generationenübergreifendes Werk.
Für wen eignet sich die Geschichte weniger?
Die Geschichte eignet sich weniger für Leser oder Zuhörer, die eine actionreiche, spannende oder klassisch märchenhafte Weihnachtserzählung mit klarem Gut-Böse-Schema erwarten. Wer nach einer schnellen, rein unterhaltsamen Geschichte sucht, könnte den ruhigen, reflektierenden und dialoglastigen Mittelteil als zu langatmig empfinden. Auch für sehr junge Kinder unter 4 Jahren ist der Text mit seinen langen Sätzen und abstrakten Gedanken noch nicht geeignet. Menschen, die einen ausschließlich fröhlich-besinnlichen Ton ohne jeden Anflug von Vergänglichkeit bevorzugen, könnten die Szene mit dem "geköpften" Nikolaus im Kakao als unpassend empfinden.
Abschließende Empfehlung
Wähle diese Geschichte genau dann, wenn du eine Weihnachtserzählung abseits des Mainstreams suchst, die sowohl Kinder als auch Erwachsene gleichermaßen berührt und zum Schmunzeln und Nachdenken anregt. Sie ist perfekt für einen ruhigen Niklaus- oder Adventsabend in der Familie, an dem die Hektik des Festes einmal draußen bleibt. Sie ist ideal, um mit Kindern über das Thema "Perfektion" ins Gespräch zu kommen – sei es beim Backen, beim Basteln oder im menschlichen Miteinander. Und sie ist ein kleines literarisches Juwel für alle, die in der Weihnachtszeit auch mal eine intelligente, warmherzige und unprätentiöse Parabel zu schätzen wissen. Sophie Reinheimers "Nikolause" ist nicht einfach nur eine Geschichte, sie ist eine Haltung in erzählerischer Form: eine Einladung, die Welt mit mehr Nachsicht, Humor und liebevoller Neugier zu betrachten.
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