Die Begegnung
Die Begegnung
Autor: Holly Loose
Ich habe mir neulich ein Weihnachtsmannkostüm bestellt. Die Bäume draußen trugen zwar noch ihr volles Blätterkleid. Doch man kann ja nie wissen. Haben ist besser als brauchen.
Bis Weihnachten war es noch ungefähr drei ein halb Monate hin, doch ich wollte halt auf Nummer sicher gehen.
Es dauerte nicht lange, da kam das kleine Paket an, und ich wollte sofort probieren, ob mir dieser Anzug passt. Meine kleine dreijährige Tochter hielt ihren Mittagsschlaf und ich den Zeitpunkt für gekommen, das Paket zu öffnen. Ich holte also Messer und Schere und öffnete besagtes Paket. Alles war gut vorhanden. Wie in der Bestellung beschrieben. Die Mütze, der Mantel mit zusätzlicher Kapuze (Da stehe ich ja drauf), eine Brille, ein großer, großer Rauschebart, ja sogar ein Gürtel, ein Jutesack und ein aufblasbarer Bauch war drinnen. Ich holte alles raus, legte es sauber auf den Tisch und begutachtete jedes einzelne Stück für sich aufmerksam und akribisch. Alles war top in Ordnung. Gute Qualität für einen guten Preis. Ich zog mir meine Jogginghose aus und zog stattdessen die Weihnachtsmann-Hose an. Oben rum war sie ein bisschen sehr weit, ich hatte allerdings noch den aufblasbaren Gummibauch, den ich mir auch sofort aufblies und umhängte. Stiefel hatte ich noch im Schrank. Gute schwarze, teure Lederstiefel, die ich bisher nur einmal getragen hatte. Alsbald legte ich mir den Bart an und setzte die Mütze auf. Dann zog ich den großen schweren roten Plüschmantel an. Noch die Brille auf und fertig war der Weihnachtsmann.
Irgendwo hatte ich sogar noch weiße Handschuhe. Ich ging ins Schlafzimmer und schaute in die Schublade. Tatsächlich, dort waren sie! Ich holte sie heraus und zog auch sie an. Alles fühlte sich gut an. Es passte alles und mit Gummibauch saß es wie angegossen. Jetzt wollte ich es wissen. Irgendwo musste auch noch so eine kleine Hotel-Glocke sein, die ich mal habe auf eine meiner Reisen mitgehen lassen. Ich bückte mich, um an die unterste Schublade zu kommen, denn dort vermutete ich die Glocke. Mit Gummibauch gar nicht so leicht... Ich kramte und kramte und fand sie nicht.
Ich stand mit dem Rücken zur Tür. Aber das nur am Rande...
Ich suchte also und suchte und war ganz vertieft in meine Suche, dass ich gar nicht merkte, wie hinter mir etwas raschelte.
Eine Tür klappte leise zu.
Da! Da war die kleine Glocke! Erfreut holte ich sie heraus und begutachtete mich mit Glocke, Bart und Weihnachtsmannmantel von allen Seiten im Spiegel. Ich drehte und wendete mich, war ganz in diesem Eindruck des coolsten Weihnachtsmannes gefangen... und blieb abrupt stehen! Mein Blick erstarrte! Die Hand, welche die Glocke hielt, sank an die Hosennaht...
Erschrocken, ja starr vor Schreck, schaute ich durch den Spiegel zur Tür und direkt in zwei kleine, ebenso erschrockene Kinderaugen.
Stille. Zeitlos.
Nur der laue Spätsommerwind raschelte in den Wipfeln der draußen stehenden Bäume.
Ich schwitzte. Nicht nur wegen der 26° C im Schatten.
Langsam drehte ich mich um.
"Was machst du hier?" Das Kind hob streng eine Augenbraue.
Ich räusperte mich und stellte mich auf eine tiefere Stimme ein. Meine Tochter hatte mich tatsächlich nicht erkannt. Also jedenfalls nicht den Vater in mir. Den Weihnachtsmann hatte sie sehr wohl erkannt und nun streng im Visier, denn Papa hatte ja neulich erst erzählt, dass der gute Mann ja erst am Heiligen Abend kam, was noch ungefähr 60-90 mal Schlafen bedeutete. Wenn man den Mittagsschlaf mit ein rechnete, dann sogar doppelt so viel.
Und nun war er plötzlich da!
"Nun!"... stammelte ich... und entschied spontan, den Heiligen Abend vorzuverlegen, zumindest, was das Procedere anbelangte. "Wie heißt du denn, mein Kind?" Ich runzelte die Augenbrauen, damit die Schwierigkeit größer wurde, mich zu erkennen und beugte mich etwas zu ihr hinunter. Sie stand wie ein Fels und antwortete wahrheitsgetreu. Ja mehr noch: Die Namen ihrer Eltern nannte sie gleich mit. Auch ihr eigenes Alter und was es heute zum Mittag gegeben hatte. In ihrem Redefluss kam sie ganz nach ihrer Mama.
Ich ließ sie ausreden und schwitzte.
"Und weißt du denn auch ein Weihnachtsgedicht oder ein Weihnachtslied?" Nun hob ICH eine Augenbraue.
Welches Kind singt schon im Hochsommer ein Weihnachtslied? In mir reifte ein Plan. Wenn sie jetzt nix singen konnte, dann sollte sie auf ihr Zimmer gehen und in ihren Weihnachtsbüchern kramen, ob sie etwas fände. Derweil wollte ich mich geschwind umziehen und mir den Schweiß aus den Stiefeln kippen. Wenn sie dann wieder käme mit irgendeinem Weihnachtskram, könnte ich sie dann auf ein Wiedersehen nach 60 –
90 Mal schlafen (mit Mittagsschlaf doppelt so viel) vertrösten und wäre wieder der gute alte Papa.
Sie stellte sich gerade hin und hub mit glockengleicher Stimme an:
"Leise pieselt das Reh..."
Ich erinnerte mich... an diverse Parties. Nicht zuletzt am vergangenen, berauschten Weihnachtsabend hatte ich eine Verballhornung auf das schöne Traditionslied geschrieben und war ganz entzückt, dass es meine Tochter mit 2 ein halb Jahren schon einigermaßen intonieren konnte.
"... in den weißen Schnee..."
Wie sie da stand! Ganz ohne Angst, doch total Ernst. ICH WAR DA! Mit dieser doch eigentlich fassungslosen Angelegenheit ging sie ganz gut um, fand ich.
"...hör nur wie lieblich es knallt..."
Ich summte leise mit...
"...freu dich auf Rehrücken bald..."
Ich strich ihr mit der linken Hand über das Köpfchen.
"Das hast du ganz fein gemacht, mein Kind, Nun muss ich aber schnell wieder los zu den anderen Kindern! Wo ist eigentlich dein Papa?"
Da wurde ihr bewusst, dass sie ja die ganze Zeit allein mit dem Weihnachtsmann im Schlafzimmer ihrer Eltern stand und ein kaum wahrnehmbares Zittern ging über das kleine Gesichtchen.
"Kann es sein, dass dein Papa vielleicht noch im Keller ist? Ich hab ihn da vorhin noch gesehen!"
Betreten und nun mehr traurig werdend, schaute sie mich an und nickte.
"Dann werde ich ihn mal holen gehen, ja? Bleib‘ du so lange hier oben und warte!"
Wieder nickte sie sehr ernst und betreten.
"Noch 60 – 90 mal Schlafen. Dann komme ich wieder!" hob ich einen weiß behandschuhten Zeigefinger, drehte mich um, stapfte in den Keller und hoffte, dass mich der Nachbar nicht auch noch sah.
- Interpretation der Geschichte
- Moral und Werte
- Realitätsbezug oder Eskapismus?
- Die Stimmung der Geschichte
- Geeigneter Anlass
- Empfohlene Altersgruppe
- Für wen eignet sie sich weniger?
- Abschließende Empfehlung
Interpretation der Geschichte
Die Geschichte "advent / Die Begegnung" von Holly Loose ist weit mehr als eine lustige Anekdote. Sie handelt im Kern von der magischen Grenze zwischen kindlicher und erwachsener Welt und davon, wie zerbrechlich und zugleich robust der Glaube an Wunder sein kann. Der Erzähler, ein Vater, spielt in einer Mischung aus Vorbereitungseifer und kindlichem Spaß selbst den Weihnachtsmann – und wird dabei von seiner Tochter ertappt. Die tiefe Komik entsteht aus der völligen Diskrepanz zwischen der sommerlichen Realität und der winterlichen Rolle, zwischen der panischen Verlegenheit des Vaters und der ernsthaften, fast investigativen Haltung des kleinen Mädchens. Die Geschichte interpretiert die Weihnachtsfigur nicht als externe Märchengestalt, sondern als eine Rolle, die in der Familie gelebt und durch liebevolle Täuschung am Leben erhalten wird. Der Höhepunkt, das skurrile umgedichtete Lied "Leise pieselt das Reh", zeigt, wie sehr sich die private, vielleicht etwas schräge Familientradition in das Kindergedächtnis eingebrannt hat. Es ist eine Begegnung auf Augenhöhe: Der Vater muss in seine Rolle schlüpfen, um die Magie zu wahren, das Kind nimmt die Rolle ernst, muss aber mit der irritierenden Präsenz des Heiligen Abends mitten im Jahr zurechtkommen. Die Lösung – der Weihnachtsmann verschwindet in den Keller, um "den Papa zu holen" – ist ein genialer Schachzug, der die Illusion rettet und die reale Welt wiederherstellt.
Moral und Werte
Die Geschichte vermittelt Werte, die perfekt zur Weihnachtszeit passen, jedoch auf ungewöhnliche Weise. Im Vordergrund steht nicht Bescherung oder Konsum, sondern liebevolle Fürsorge und der Schutz kindlicher Unschuld. Der Vater geht in seiner Verkleidung so weit, um den Glauben seiner Tochter nicht zu zerstören. Es geht um Verantwortung für das emotionale Wohl des Kindes. Gleichzeitig zeigt die Episode den Wert von Humor und Leichtigkeit im Familienleben. Das gemeinsame, alberne Weihnachtslied steht für eine innige Bindung und geteilte Traditionen, auch wenn sie unkonventionell sind. Letztlich feiert die Geschichte die Magie des Augenblicks und die kreative Flexibilität, die Eltern oft aufbringen müssen. Diese Werte – Fürsorge, Humor, Bewahrung von Wundern und familiärer Zusammenhalt – sind essenzielle, warmherzige Bestandteile eines modernen Weihnachtsfestes.
Realitätsbezug oder Eskapismus?
Diese Erzählung ist ein brillantes Beispiel dafür, wie Realitätsbezug und ein Hauch von Eskapismus harmonieren können. Sie blendet keine weltlichen Probleme aus, sondern thematisiert einen sehr realen und alltäglichen "Bruch": die Spannung zwischen der inszenierten, perfekten Weihnachtswelt und der manchmal chaotischen, improvisierten Familienrealität. Der Vater schwitzt in der Sommerhitze im Plüschmantel, das Kind erwacht ungeplant aus dem Mittagsschlaf, die Requisiten sind eine Mischung aus neu gekauftem Kitsch und persönlichen Gegenständen. Hier geht es nicht um eine heile, abgeschottete Traumwelt, sondern genau um das Gegenteil: um das lustvolle Scheitern beim Aufrechterhalten dieser Traumwelt. Der Zauber entsteht gerade dadurch, dass die Illikation fast auffliegt und mit Mühe und Schweiß gerettet werden muss. Die Geschichte feiert damit die Schönheit und Komik des Unperfekten im vermeintlich perfekten Fest.
Die Stimmung der Geschichte
Die Stimmung ist von Anfang an von einer sympathischen, selbstironischen Spannung getragen. Die Erzählweise ist locker, beinahe vertraulich, und lässt dich als Leser sofort in die Situation des Vaters hineinschlüpfen. Mit der Entdeckung durch die Tochter kippt die Stimmung in komische Panik, die fast greifbar wird ("Ich schwitzte. Nicht nur wegen der 26° C im Schatten."). Dieser Moment der starren Stille ist meisterhaft gesetzt. Daraus entwickelt sich eine warmherzige, zutiefst komische und zugleich rührende Atmosphäre. Die ernsthafte Darbietung des verdrehten Weihnachtslieds durch das Mädchen erzeugt unweigerlich ein Lächeln, das von Zuneigung geprägt ist. Die finale Stimmung ist eine Mischung aus Erleichterung (die Illusion ist gerettet) und einer nachklingenden, leisen Wehmut, weil der Vater die Magie, die er selbst erschuf, nun respektvoll auf Abstand halten muss.
Geeigneter Anlass
Diese Geschichte eignet sich perfekt für lockere Vorleserunden in der Vorweihnachtszeit, besonders in einem familiären Umfeld. Sie ist ein idealer Eisbrecher auf Weihnachtsfeiern mit engen Freunden oder der Familie, weil sie so nah am echten Leben ist und zum Schmunzeln anregt. Auch für einen unterhaltsamen Beitrag in einem Adventskalender (etwa für Erwachsene oder ältere Kinder) oder als heitere Einstimmung auf den Heiligen Abend selbst ist sie hervorragend geeignet. Sie passt weniger zu einer formellen, andächtigen Weihnachtsandacht, sondern vielmehr zu Momenten, in denen Lachen, Herzlichkeit und die Vorfreude auf das Fest im Mittelpunkt stehen.
Empfohlene Altersgruppe
Die Zielgruppe der Geschichte sind in erster Linie Erwachsene und Jugendliche, die die doppelte Perspektive – die des ahnungslosen Vaters und die der misstrauischen Tochter – vollständig erfassen und den humorvollen Subtext genießen können. Aufgrund der Länge und der feinen psychologischen Beobachtungen ist sie für Kinder ab etwa 8 oder 9 Jahren gut verständlich und vorlesetauglich. Jüngere Kinder mögen die komische Situation zwar auch erfassen, die ganze Tiefe der zwischenmenschlichen Nuancen und der inneren Verzweiflung des Vaters erschließt sich jedoch erst einem älteren Publikum.
Für wen eignet sie sich weniger?
Für Menschen, die eine klassische, besinnliche oder religiös geprägte Weihnachtserzählung suchen, ist diese Geschichte weniger geeignet. Sie enthält keinen moralischen Zeigefinger, keine Engel und keine tieftraurigen Momente. Wer nach traditioneller Weihnachtsfolklore mit dem "echten" Weihnachtsmann sucht, könnte die familiäre und alltägliche Interpretation vielleicht als zu profan empfinden. Auch für sehr kleine Kinder (unter 6 Jahren) ist die Handlung möglicherweise zu komplex und die Pointe könnte sie verwirren, anstatt sie zu erfreuen, da die Grenze zwischen Spiel und Realität hier bewusst verschwimmt.
Abschließende Empfehlung
Wähle diese Geschichte genau dann, wenn du eine erfrischend andere, herzerfrischend ehrliche und urkomische Weihnachtserzählung brauchst. Sie ist das perfekte Gegenmittel zu überzuckerten Weihnachtsklischees und bringt dich garantiert zum Schmunzeln. Lies sie auf einer gemütlichen Adventfeier mit Freunden, in der Familie am ersten Adventssonntag oder einfach für dich selbst, um dich daran zu erinnern, dass die schönsten Weihnachtsmomente oft die ungeplanten und etwas chaotischen sind. Holly Loose gelingt es, die Magie von Weihnachten nicht im Großen und Glänzenden, sondern im kleinen, liebevollen und lustigen Durcheinander zu finden – und das macht diese Geschichte zu einem einzigartigen Juwel in der Welt der Weihnachtsliteratur.
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